2. März 2009

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Doppel-CD mit Märchen in siebenbürgisch-sächsischer Mundart: „Et wor emol…“

Volker Petri, Bundesobmann des Bundesverbandes der Siebenbürger Sachsen in Österreich, sitzt im verschneiten Februar zusammen mit den beiden Enkelkindern Theodor (8 Jahre alt) und Valentin (7) im warmen Wohnzimmer und hört die CD. „Et wor emol…“ Die breite, typisch siebenbürgisch-deutsche Aussprache von Karin Gündisch leitet ein und versetzt die Hörenden intuitiv nach Siebenbürgen. Als erfolgreiche Autorin von Kinderbüchern ist sie für die Präsentation und kurzen Einleitungen prädestiniert. Volker Petri hält seine Gedanken beim Hören der CD im Folgenden fest.
Märchen reichen weit zurück in die Vergangenheit, sind die Erzählungen der Volksseele. Nacherzählungen küssen auch sie wach aus dem verzauberten Dornröschenschlaf. Es ertönen zum Großteil junge, frische und unbeschwerte Kinderstimmen aus Siebenbürgen, die mit ihren großartigen Erzählungen nicht nur den Märchen ihre Stimmen leihen, sondern auch das zurückliegende siebenbürgisch-sächsische Leben aus der Vergessenheit hervorholen, neuen Odem einhauchen. Die Nacherzählungen der Großmütter erinnern mich an unsere Kindheit. Mit geschlossenen Augen gehe ich in Gedanken die Landschaften und Orte ab. Ich atme den typischen Sommergeruch unserer Dörfer; Holzrauch, Landluft, Heu und Tabakblumen mischen ihre Aromen in den aufgewirbelten Straßenstaub. Die Dörfer und Städte sind mir bekannt, hinter jedem Namen steht ihr unaustauschbares Bild. Überraschend stelle ich fest, wie nahe die verschiedenen Dialekte liegen. Früher, in jungen Jahren schienen sie mir viel weiter auseinander zu liegen. Ich höre aufmerksam den Erzählungen der Kinderstimmen zu und sie erschließen mir von Neuem die archaische Welt der Märchen .Es ist das doppelt Vertraute, welches anklingt, der siebenbürgisch-sächsische Dialekt und die Inhalte, der mir seit meiner Kindheit bekannten Märchen und ihrer oft verschlüsselten Botschaften. Die Doppel-CD „Et wor emol …“ ist im Audioformat ...Die Doppel-CD „Et wor emol …“ ist im Audioformat MP3 in einer Playlist für Premiummitglieder (das sind Mitglieder des Verbandes der Siebenbürger Sachsen) frei zugänglich. Es ist aber auch noch die Erzählzeit, die Jahre zwischen 1966 bis 1975, die mich nachdenklich macht. Damals, ich hatte 1965 mein Theologiestudium in Hermanstadt begonnen, waren diese Ortschaften alle noch lebendig, sie atmeten noch unser Leben, trotz kommunistisch-erdrückender Wirklichkeit. Etwas Heimweh und Schwermut wird mir bewusst und ich erkenne für mich, dass diese wunderbaren Märchenerzählungen den Trauerflor unserer siebenbürgisch-sächsisch Tragik tragen. „Et wor emol…!“ gilt nicht nur den Märchen, es stellt sie zugleich auch in den Zeithorizont unserer, dort zum Großteil aufgegebenen und beendeten Geschichte. Diese Märchenerzählungen sind ein einzigartiges Zeitdokument, da sie vor Ort, im Original der alltäglich-vertrauten Dorfdialekte und lebendigen Gegenwart erzählt und aufgenommen wurden.

Märchen sind Bilder, Symbole verarbeiteter Geschichte, die Mut zum Leben schenken und Wegweisung des Altbewährten geben können. Sie haben Aktualität, bieten Lebenshilfe, wecken die Nachdenklichkeit und Erinnerungen.

Die Enkelkinder, die unseren Dialekt kaum verstehen, finden es zunächst interessant und spannend, doch nach fünf Minuten gehen sie hinaus in die Winterlandschaft, ins Leben. Ich höre weiter und mich bewegt der Märchenrefrain: „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!“ Ich gehe, während ich weiter lausche, in Gedanken durch die nun bald schon 20 Jahre verlassenen Orte, an den alleingelassenen Kirchenburgen vorbei durch die verwaisten Straßen. Vom Hügel hat man immer einen guten Überblick. Man sieht die geordneten Häuserzeilen und erkennt das gebrochene Rückgrat vieler Scheunen und die offenen Wunden in ihren Flanken. Überall nagt der Zahn der Zeit unübersehbar an den einst stolzen Häusern. Mit intensivem Blau oder Gelb übertünchte Fassaden zeigen den Besitzwechsel an. Dann gehe ich auf die verlassenen Gottesacker. Hinter Unkraut liegen die mit Betondeckeln versiegelten Gräber, umgestoßene Grabsteine unserer Lieben, der Ahnen, die gestorben sind und nicht mehr leben. Nirgends auf dieser Welt habe ich das Sterben und die Vergänglichkeit stärker erlebt als auf unseren toten Friedhöfen.

Die Zeit fliegt, das Dunkel der Wintersnacht bricht herein, und ich schließe meine „Anhörung“ alter Märchen im alten Dialekt. Die munteren Kinderstimmen der CD hallen nach. Später sitzen wir mit unseren Enkeln beim Nachtmahl. Sie kennen die Märchen, der Dialekt jedoch ist ihnen fremd, so fremd, wie die siebenbürgischen Landschaften und unsere Geschichte. Ich nehme mir fest vor, ihnen unser Siebenbürgen eines Tages zu zeigen und aus unserer Geschichte zu erzählen. Vielleicht beginne ich wie die Märchen mit dem spannenden und die Türen alter Zeiten und Geschichten eröffnenden Schlüsselsatz: „ Es war einmal….!“

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Die Doppel-CD „Et wor emol …“ ist im Audioformat MP3 in einer Playlist für Premiummitglieder (das sind Mitglieder des Verbandes der Siebenbürger Sachsen) frei zugänglich im Bereich: „Audio und Video“ – „Märchen, Erzählungen“ oder hier.

Schlagwörter: CD, Märchen, Kinder, SJD, Internet, Mundart, Neuerscheinung, Sprachaufnahmen

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