8. November 2019

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Jahrestagung der Sektion Schulgeschichte des AKSL

Am 26. und 27. Oktober fand im Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München die 19. Jahrestagung der Sektion Schulgeschichte des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) statt. Die Veranstaltung wurde auch dieses Jahr aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen gefördert. Bei der Tagung, die von Dr. Erwin Jikeli, Leiter der Sektion Pädagogik und Schulgeschichte, vorbereitet und moderiert wurde, trugen fünf Referenten, die sich seit Jahren mit der Schulgeschichte Siebenbürgens beschäftigen, ihre Arbeiten vor.
Den Auftakt bildete ein Vortrag von Erika Schneider zur „Entstehung und Bedeutung der Evangelischen Lehrerinnenbildungsanstalt LBA in Schäßburg (1904-1948)“. Wie überall in Europa war es auch in Siebenbürgen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr schwer, eine höhere Bildungsanstalt für Mädchen zu begründen und den ausgebildeten Lehrerinnen, denen anfangs das Zölibat auferlegt wurde, einen Arbeitsplatz im kirchlichen Schulwesen anzubieten. Die Referentin wies auf die ablehnende Haltung der Evangelischen Kirche gegenüber der Mädchenbildung hin, die am Ende des 19. Jahrhunderts die Rolle der Frau vor allem in der „christlichen Liebestätigkeit und den Arbeiten im Haus“ sah. So wurde auch die Lehrerinnenbildungsanstalt in Schäßburg erst 1904 gegründet, obwohl der Kronstädter evangelische Frauenverein schon 1872 die Notwendigkeit der Errichtung einer solchen Ausbildungsstätte gefordert hatte. Vor diesem Hintergrund präsentierte die Referentin die Entwicklung der Schülerinnenzahl und zeigte, dass im Verlauf von 25 Jahren 666 Mädchen in die Bildungsanstalt aufgenommen wurden, von denen nur 415 einen Abschluss schafften. Alle anderen hatten zwischenzeitlich geheiratet und mussten die Schule verlassen.

Hans Gerhard Pauer untersuchte in seinem Vortrag „Die Übergabe der evangelischen Gymnasien an die Deutsche Volksgruppe in Rumänien (DVR) am Beispiel der Stephan-Ludwig-Roth-Schule in Mediasch und der Bergschule in Schäßburg“ die unterschiedliche Entwicklung beider Schulen in dieser Zeit. Nach der Entscheidung des Landeskonsistoriums der Evangelischen Kirche vom 7. November 1941, sich dem Druck der Volksgruppe zu beugen und das kirchliche Schulwesen an diese zu übergeben, kam es in Schäßburg zu dramatischen Ereignissen. Stadtpfarrer Wilhelm Wagner, ein Gegner der Nationalsozialisten, weigerte sich, die sächsischen Schulen an die Volksgruppe zu übergeben und musste sich erst fügen, nachdem er eine Abstimmung im Presbyterium verloren hatte. Ganz anders verlief dieser Prozess an der Stephan-Ludwig-Roth-Schule in Mediasch, an der die Übergabe der Schule an die DVR von der Schulleitung und dem Lehrerkollegium mit großem Enthusiasmus durchgeführt wurde. Als Ergebnis seiner Untersuchung stellt der Referent fest, dass die politische Indoktrinierung der Schüler im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie an der Stephan-Ludwig-Roth-Schule, beginnend mit dem Schuljahr 1940/41, erheblich war.

Robert Offner stellte „Das europaweit herausragende Schulbucheditionsprogramm von Johannes Honterus und Valentin Wagner in der Mitte des 16. Jahrhunderts“ vor. Seine präzisen Vergleiche im europäischen Umfeld belegen, dass die Rolle von Honterus als einer der vielseitigsten und produktivsten Schulbuchverleger Europas – neben Johannes Sturm in Straßburg – sowie als Vorreiter des modernen Naturkundeunterrichtes in der einschlägigen Fachliteratur und deutschen Schulbuchforschung unzureichend bekannt und viel zu wenig erforscht ist. Mit der von Honterus und seinem Mitstreiter Valentin Wagner angestoßenen radikalen Schulreform, die vom Späthumanismus und von der engen Verbindung zum deutschen Sprach- und Kulturraum geprägt war, nahm das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen einen großen Aufschwung und erlangte bald eine nachhaltige Spitzenstellung in Europa.

Vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen im 21. Jahrhundert befasste sich Waltraud Hermann in ihrem Vortrag „Die Ordnungen der Siebenbürger Sachsen und ihre Aktualität im 21. Jahrhundert“ mit der vorbildlichen Fähigkeit der siebenbürgisch-sächsischen Gesellschaft in Gemeinschaft zu leben. Anhand einer präzisen Analyse der Nachbarschaftsordnungen, der Kirchenordnungen und der Schulordnung von Johannes Honterus belegte sie die Aktualität der siebenbürgisch-sächsischen Ordnungen für unsere heutige Zeit und rief nicht nur die Anwesenden, sondern alle Siebenbürger Sachsen dazu auf, anhand dieser historischen Erfahrung als Multiplikatoren in ihrem Umfeld zu wirken. Die Referentin schloss mit dem Fazit: „Erfahrung kann nur nach rückwärts verstanden werden. Wer keine hat, kann ihr Fehlen nicht erkennen.“ Vor allem die Gegenüberstellung „Alte Welt versus neue Welt“ führte unter den Anwesenden zu teilweise kontroversen Diskussionen, die sich vor allem mit den Chancen und Gefahren der neuen digitalen Technologien befassten.

Die Tagung der Sektion Schulgeschichte wurde mit dem Vortrag „Das ,rumänische Heidelberg‘. Das literarisch (re)konstruierte Kronstädter Schulwesen der Zwischenkriegszeit“ von Enikő Dácz abgeschlossen. Ausgehend von der existierenden ethnischen Vielfalt der Stadt ging sie in einem ersten Schritt auf die lokalen Verhältnisse des Kronstädter Literaturbetriebs ein und arbeitete aus den unterschiedlichen nationalen Kommunikationsräumen die Schulen als Erinnerungsorte heraus. Als Folge ergab sich ein sehr kontroverses Bild zu Kronstadt und seinem Schulleben, das aus der Perspektive von Schülern und Lehrern der sächsischen, ungarischen, rumänischen und jüdischen Schulen erarbeitet wurde. Die Referentin wies darauf hin, dass der Begriff „rumänisches Heidelberg“ nicht von ihr stamme, sondern auf die Wahrnehmung von rumänischer Seite zurückzuführen sei: „Darüber hinaus betrachtete man Kronstadt, dank seiner malerischen Lage und Schultradition als ein rumänisches Heidelberg“. Vor allem die multiethnische Analyse des Beitrags war für die Teilnehmer des Seminars sehr interessant, weil das Blickfeld fast aller vorwiegend auf das sächsische Schulwesen der Stadt im Karpatenbogen orientiert war.

Durch die Vorträge und die Abschlussdiskussion traten zusätzliche Aspekte und neue Fragen auf, die eine Weiterführung des Projektes insbesondere zur jüngsten siebenbürgisch-sächsischen Schulgeschichte und darüber hinaus eine Ausweitung auf Gesamtsiebenbürgen als sinnvoll und notwendig erscheinen lassen. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, dass die Arbeit der Sektion Schulgeschichte in den nächsten Jahren auf eine breitere und, falls möglich, auch auf eine jüngere Basis gestellt werden muss.

Um die Dokumentationsarbeit der Sektion Schulgeschichte auch in den kommenden Jahren erfolgreich fortführen zu können, bitten wir alle, die sich mit diesem Thema befassen möchten, Kontakt mit Dr. Erwin Jikeli, Lindemanshof 6, 47179 Duisburg, Telefon: (02 03) 49 62 22, E-Mail: erwinjikeli[ät]gmx.de, aufzunehmen, damit auch für die zukünftigen Tagungen eine ausreichende Zahl an Referenten und interessierten Zuhörern zur Verfügung steht.

Hans Gerhard Pauer

Schlagwörter: Jahrestagung, Schulgeschichte, AKSL, Pädagogik, Siebenbürgen, Wissenschaft, München, HDO, Bericht

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