3. April 2013

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"Integration bedeutet nicht Aufgabe der kulturellen Identität"

Rumänien hat in Westeuropa keine gute Presse. Und die politische Klasse des Landes tut auch 23 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft Ceauşescus offensichtlich wenig, um diesen Status zu ändern. Ohne die Augen vor der Wirklichkeit verschließen oder gar davon ablenken zu wollen, sei heute von einem Mann die Rede, der dem Bild des guten Rumänen und Rumäniens in Deutschland Geltung verschaffen will. Berthold Johann Staicu aus Burgberg lebt heute in Nürnberg und vertritt die in Bayern lebenden Rumänen im Bayerischen Integrationsrat.
In seiner Brust schlagen zwei Seelen: eine siebenbürgisch-sächsische und eine rumänische. Sein aus der Dobrudscha stammender Großvater Dumitru Staicu heiratete in Burgberg Maria Schuster und wurde zu einem angesehenen Bauern, von dem es bald hieß, er sei „sächsischer als mancher Nachbar im Dorf“. Mit seinem Enkel Berthold Johann Staicu führte der stellvertretende Chefredakteur der rumänischen Presseagentur „Aşii Români“, Nick Langa, ein Interview für die Zeitung „Vocea ta“ (Nürnberg), das hier in einer von Dr. Hansotto Drotloff gekürzten und übersetzten Fassung veröffentlicht wird.

Erzählen Sie uns bitte etwas über sich, Herr Staicu.
Ich wurde in Burgberg, einem Dorf mit gemischter sächsischer und rumänischer Bevölkerung geboren und ich erinnere mich gerne an das gute Miteinander, das wir im Dorf hatten. Schließlich hatten wir alle etwas gemeinsam: die geliebte Heimat. Martin Neumeyer (MdL), Integrationsbeauftragter ...Martin Neumeyer (MdL), Integrationsbeauftragter des Bayerischen Lantags (links), Ionela van Rees Zota und Berthold Johann Staicu. Wann sind sie nach Deutschland gekommen?
Seit August 1990 lebe ich in Nürnberg, seit 1992 ist auch meine ganze Familie hier. Doch bedeutet der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit für mich nicht ein Lossagen von meinem Heimatort. Über zehn Jahre lang wirkte ich in verschiedenen rumänischen Nichtregierungsorganisationen, überzeugt, dass man nur durch tätige Hilfe seine Wurzeln behält. Es war immer mein Wunsch, die wahren kulturellen Werte Rumäniens zu vertreten. Als Siebenbürger Sachse fühle ich mich der rumänischen Kultur gleichermaßen verbunden, achte und schätze sie durch die Erziehung im Elternhaus und über meine rumänischen Freunde als festen Bestandteil unserer Gemeinschaft.

Wodurch wurde für Sie gerade 2009 ein Jahr von besonderer Bedeutung?
Zusammen mit meiner Frau Ionela van Rees-Zota, die von Beruf Journalistin und Juristin ist, machten wir uns auf, neben den Radiosendungen von Radio „R“ România die Belange der Rumänen in Deutschland auch durch das gedruckte Wort zu vertreten – mit der zuerst nur lokal vertriebenen Zeitschrift im DIN A5-Format „Aşii Români“ (Rumänische Asse). Heute, nach vier Jahren, schmunzeln wir, wenn wir an die schweren Anfänge der zu Hause gedruckten Zeitung denken. Allein der Wunsch, etwas Positives über und für die Rumänen in unserer neuen Heimat zu berichten, ließ uns nicht aufgeben. Damals wurde die Kulturplattform „Aşii Români“ (Rumänische Asse) geboren, ein programmatischer Name, da wir uns positiv von den übrigen rumänischen Vereinen in Nürnberg absetzen und hier in der Diaspora einen konstruktiven Beitrag für unsere neue Heimat leisten wollten.

Auch wenn der Weg beschwerlich war, ist das Ergebnis Ihrer Arbeit beachtlich: Die Presseagentur „Aşii Români“, das Deutsch-rumänische Kulturzentrum, die Bibliothek „Ion Minulescu” und „Vocea Ta“, die einzige rumänische Zeitung, die in Deutschland gedruckt wird. Woher nehmen Sie die Kraft, die materiellen und spirituellen Ressourcen für Ihre Arbeit?
Nun, „wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Uns treibt der Wunsch an, etwas Bleibendes und Positives zu hinterlassen. Oft genug mussten unsere Ersparnisse herhalten, doch fanden sich immer wieder freiwillige und ehrenamtliche Helfer unter den in Nürnberg lebenden Rumänen, für die es eine Herzensangelegenheit ist, mit dabei zu sein. Und ich betone es noch einmal: unsere ganze Arbeit ist ehrenamtlich. Dass sie Früchte trägt, beweist das lebhafte Leserecho – und es bestärkt uns weiterzumachen.

Deutschland ist in Sachen Multikulturalität und Eingliederung von Zuwandereren in Europa vorbildlich. Wie kam es dazu, dass Sie die Rumänen im Bayerischen Landtag vertreten?
Von dem Wunsch getrieben, etwas Konkretes für die Rumänen in der Diaspora zu tun, kam ich mit Herrn Martin Neumayer (MdL), Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, ins Gespräch. Es wurde bald klar, dass die zahlreichen in Bayern lebenden Rumänen eine direkte Vertretung auf Landesebene brauchten, um ihre Wünsche offiziell vortragen zu können und in der Gesellschaft eine aktive Rolle zu spielen. Zu meiner größten Freude und Ehre wurde ich im September 2010 als Vertreter der Rumänen in den Bayerischen Integrationsrat berufen. In dieser Eigenschaft nehme ich z.B. bei Anhörungen zu neuen Gesetzen teil, die für Bürger anderer Ethnien relevant sind, und kann den Standpunkt der Rumänen vortragen. Ich bin stolz und fühle mich geehrt, die Rumänen vertreten zu dürfen, auch oder gerade weil ich deutsche bzw. siebenbürgisch-sächsische Wurzeln habe.

Welchen aktiven Beitrag können die in Deutschland lebenden Rumänen für das gesellschaftliche Leben leisten?
Die formelle Integration der Rumänen wird zwar dadurch erleichtert, dass sie zahlreiche Mischehen mit Sachsen eingehen, und dass Neuankömmlinge sich an ihren hier lebenden Landsleuten orientieren, aber dadurch werden ihre kulturellen und spirituellen Bedürfnisse nicht befriedigt, da sie sich teilweise von jenen der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. Hier sehe ich auch einen wichtigen Ansatzpunkt, wie die Rumänen aktiver in der Gemeinschaft auftreten können, in der sie leben: indem sie ihre kulturelle Eigenheit in Bräuchen, Trachten, Literatur, Musik und bildender Kunst vorstellen. Integration ist also nicht gleichbedeutend mit Aufgabe der kulturellen Identität. Natürlich ist es noch ein langer Weg bis dahin, doch ist die Zukunft weder düster noch negativ. Der Anfang war schwer, aber es gibt nun einen soliden rechtlichen Rahmen für die Mitsprache in Fragen der Intergration. Es liegt nun an uns, die dadurch gebotenen Möglichkeiten zu nutzen.

Schlagwörter: Politik, Integration, Rumänien

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