15. Januar 2007

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EU-Beitritt Rumäniens als Chance oder Grund zur Skepsis?

Die Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Österreich und Siebenbürgen finden sich seit dem 1. Januar 2007 in einem vereinigten Europa wieder. Dadurch verbessern sich auch Bedingungen für die Zusammenarbeit im Rahmen der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen. Es gilt nun EU-Recht, das viele Freiheiten und Erleichterungen mit sich bringt. Mit der Aufnahme Rumäniens und Bulgariens am 1. Januar 2007 ist die Europäische Union auf 27 Mitglieder angewachsen.
Die EU zählt jetzt insgesamt 493 Millionen Menschen und reicht vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer. Keine leichte Aufgabe für Deutschland, das in der ersten Jahreshälfte 2007 die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union innehat. Deutschland will vor allem Wege zur Überwindung der Verfassungskrise suchen und dabei nicht nur die Mitgliedstaaten, sondern auch die Bürger einbinden, die das europäische Vorhaben teilweise mit Skepsis aufnehmen.

Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, Dipl.-Ing. Arch. Volker E. Dürr, ließ es bereits in seiner Weihnachtsbotschaft anklingen: Wir Siebenbürger Sachsen wollen „den Auftrag, der uns aus unserer Geschichte und unserem Schicksal erwachsen ist, nämlich uns in ein in Frieden und Freiheit zusammenwachsendes Europa einzugliedern und zugleich als Brückenbauer zwischen Ost und West zu wirken, fortsetzen und uns für eine gemeinsame Zukunft überall dort, wo Siebenbürger Sachsen leben, engagieren“.

Solidarität weiterhin aktuell

Mit der Aufnahme Rumäniens als Mitglied in die Europäische Union verbinde man die Hoffnung, dass „unseren dort lebenden Landsleuten die Chance gegeben wird, die wichtigsten Zeugnisse unserer siebenbürgisch-sächsischen Identität in Siebenbürgen vor dem Untergang bzw. endgültigen Verschwinden zu bewahren“, schreibt der Bundesvorsitzende. Zudem sei es für uns selbstverständlich, uns im Sinne des traditionellen Solidaritätsgedankens im Rahmen der Föderation der Siebenbürger Sachsen weiterhin auch in Siebenbürgen zu engagieren. Über das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen, in das Spenden der Landsleute aus Europa und Übersee fließen, leistet die Landsmannschaft im Rahmen der Möglichkeiten materielle Unterstützung für Bedürftige in Deutschland und Siebenbürgen, vermittelt aber auch gezielt Hilfen der Bundesregierung für gemeinnützige Einrichtungen wie das Alten- und Pflegeheim „Carl Wolff“, das sie mitbegründet hat, die „Honterus“-Druckerei“ oder das „Friedrich-Teutsch-Haus“ in Hermannstadt.

Großes Medieninteresse auch an Siebenbürger Sachsen

Mit dem EU-Beitritt Rumäniens und Hermannstadt als Europäische Kulturhauptstadt 2007 (zusammen mit Luxemburg) gilt auch den Siebenbürger Sachsen verstärkt das Interesse der Medien. „Die deutsche Minderheit hat großen Anteil daran, dass Hermannstadt in Rumänien dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist“, schreibt der Mannheimer Morgen. Oliver Hoischen weist in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. Januar 2007 auf die deutsche Skepsis gegenüber Rumänien, aber auch auf bleibende Werte des Landes hin: „Über Jahrhunderte sind enge kulturelle Bindungen gewachsen: Die deutsche Minderheit in Siebenbürgen und im Banat wird bewundert. In Hermannstadt, der europäischen Kulturhauptstadt 2007, schafft der deutsche Bürgermeister Johannis ein kleines Wirtschaftswunder nach dem anderen, die Leute bringen ihm großes Vertrauen entgegen. Mit alter k. u. k. Seligkeit oder Deutschtümelei hat die Freude darüber wenig zu tun - sondern mit Eigeninteresse.“

Beteiligung an Programm der Kulturhauptstadt 2007

Die Beteiligung der Landsmannschaft an dem Programm der Kulturhauptstadt gewinnt inzwischen konkrete Formen. Im Sommer wird sie gemeinsam mit dem Siebenbürgenforum eine Siebenbürgisch-Sächsische Kulturwoche in Hermannstadt gestalten. Die Siebenbürger Sachsen werden sich dabei als grenzüberschreitende Gemeinschaft präsentieren und den Hauptgrund der Ernennung Hermannstadts zur Kulturhauptstadt eindrücklicher in den Vordergrund rücken: „Die gemeinsamen Wurzeln mit Luxemburg, die sprachliche Verwandtschaft, wurden von allen Luxemburger Politikern und vom deutschen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt stets an erster Stelle genannt. In Rumänien wird dieser Aspekt hingegen meist totgeschwiegen“, bedauert Dr. Bernd Fabritius, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft. Es sei wichtig, dass die offiziellen Stellen in Rumänien die geschichtliche Präsenz der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen nicht unter den Tisch kehren.

Toleranzerfahrung und lebendige Kultur ins vereinigte Europa einbringen

Nach Ansicht der Stellvertretenden Bundesvorsitzenden Karin Servatius-Speck bringen die Siebenbürger Sachsen die Erfahrung gelebter Toleranz individuell und als Gemeinschaft in das nunmehr vereinigte Europa ein. Toleranz und Gemeinsinn im Vielvölkerlebensraum – die hätten die Siebenbürger Sachsen in Jahrhunderten sehr wohl geübt. Eine Bereicherung seien sowohl die geschaffenen ideellen und materiellen Werte in Siebenbürgen (Ortschaften mit ihren Kirchen, Schulen, Museen, Theatertradition usw.) als auch in Deutschland (Kulturzentrum in Gundelsheim, Heimathäuser, Beitrag zur Trachtenvielfalt und vieles mehr. Autoren wie Pastior, Hodjak, Bergel, Seiler oder Künstler wie Bömches, Fabritius, Handel, Jacobi, um nur einige Persönlichkeiten der Kunstszene Deutschlands zu erwähnen, all unsere Kulturpreisträger haben mit Sicherheit neben vielen anderen zweifellos das kulturelle und gesellschaftliche Leben bereichert. „Das ist europäisches Kulturschaffen und -erbe und ‚Humus’ für die Zukunft des ‚alten Europa’“, betont Karin Servatius-Speck.

Offene Fragen nach dem EU-Beitritt Rumäniens

Mit dem EU-Beitritt Rumäniens verbindet Bernd Fabritius die Hoffnung, „dass der Weg unserer ehemaligen Heimat hin zu einem Rechtsstaat, in dem Minderheiten, kulturelle Identität, Eigentum etc. mehr geachtet und geschützt werden (hier ist die aktive Rolle des Staates gefordert), entschlossener gegangen wird als bisher und einem wachsamen Prüfblick der EU unterliegt“. So setzt sich die Landsmannschaft, in Absprache mit dem Siebenbürgenforum, für die Rückgabe des kirchlichen, gemeinschaftlichen und privaten Eigentums ein, um die in Rumänien lebende deutsche Minderheit in ihrer Existenz und Identität dauerhaft zu sichern.

Die von der Landsmannschaft gegenüber Regierungsvertretern angesprochenen Fragen seien auch nach dem EU-Beitritt Rumäniens noch offen, betont Dr. Fabritius. „Auch wenn die rechtlichen Grundlagen zum Teil geschaffen wurden, fehlt es doch oft an der Umsetzung und auch am Verständnis bei staatlichen Stellen. Ich nenne hier nur die vielen Städte und Gemeinden, die mit fadenscheinigen Argumenten schon die Entgegennahme von Restitutionsanträgen ablehnen (z. B. Agnetheln) und damit die Durchsetzung von berechtigten Ansprüchen unterbinden.“

Allerdings erkennt Dr. Fabritius auch viele Zeichen der Hoffnung. „Es gibt immer mehr Siebenbürger Sachsen, die unabhängig von ihrem ständigen Wohnsitz wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Aktivitäten in Siebenbürgen entfalten und dadurch – zusammen mit den dort lebenden Sachsen – das siebenbürgisch-sächsische Leben im Karpatenbogen bereichern.“

Leserumfrage: EU-Beitritt Rumänien als Chance oder Grund zur Skepsis?

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nannte Rumäniens EU-Beitritt bedeutsam für den ganzen Kontinent, „weil damit eine immer noch offene Wunde des Kalten Krieges geschlossen“ werde. Ob auch die Wunden unserer Landsleute inzwischen verheilt sind? Unter dem Druck der kommunistischen Enteignung und Entmündigung hat die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen die Heimat im Karpatenbogen aufgegeben und eine Zukunft in Demokratie und Freiheit in Deutschland gesucht und gefunden. Wie begreifen Sie den EU-Beitritt Rumäniens, das erweiterte Europa: als Chance oder eher mit Skepsis und Zurückhaltung? Ihre Meinung ist uns wichtig. Schreiben Sie in kurzen, pointierten Sätzen an die Siebenbürgische Zeitung, Leserecho, Karlstraße 100, 80335 München, E-Mail.

Siegbert Bruss

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 1 vom 15. Januar 2007, Leitartikel)

Schlagwörter: deutsch-rumänische Beziehungen, EU, Föderation, Recht

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