28. September 2007

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Lesung rumäniendeutscher Autoren im Bundeskanzleramt

Wo und wann habe man denn noch gehört, dass eine Regierung sich stundenlang mit Schriftstellern über ihre Literatur unterhalte, soll der listenreiche Bertolt Brecht gefragt haben, als er zu einem Gespräch mit DDR-Oberen beordert wurde, die ihn gern auf Linie getrimmt hätten. Welches diese Linie war, wusste er sehr wohl, wähnte sich aber so überlegen, dass er diese Drangsal als Katz-und-Maus-Spiel auffasste – und die „Genossen“ eben nur als graue Mäuse. Die eingebildete Katze Brecht hat, soweit bekannt, keiner jener Mäuse jemals etwas anhaben können, vielmehr gibt es Stellen in seinem Werk, die aus heutiger Sicht zumindest angefressen erscheinen.
Aus heutiger Sicht. Dabei waren das Zeiten, die wir nur zu gern der Geschichte anheimgäben. Aber sie liegen erst geraume Jahre zurück. Mit vielen Schriftstellern haben sich die „deutsche demokratische“ oder die „sozialistische ru­mä­nische“ oder eine andere der „Regierungen“ im Ostblock „unterhalten“, in der Tat meist in Gestalt von mehr oder minder grauen, zumeist greulichen (nach neuer „Recht“-Schreibung gräu­lichen) Mäusen. Lesung rumäniendeutscher Autoren im ...Lesung rumäniendeutscher Autoren im Bundeskanzleramt, erste Reihe, von links: Herta Mül­ler, Franz Hodjak, Ana Blandiana, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Prof. Dr. Joachim Ro­gall (Bosch-Stiftung), zweite Reihe: Johann Schöpf seitens des Landesverbandes der Siebenbürger Sachsen Berlin und Neue Bundesländer, Dr. Claus Stephani, Peter Maffay, Gerhard Köpernik, Vorsitzender der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft Berlin, und Elisabeth Packi, Stellvertretende Vorsitzende der Banater Schwaben Berlin und Neue Bundesländer, Hans Bergel, Dr. Walter Engel, dritte Reihe: Eginald Schlattner, Ministerialrat Dr. Matthias Buth, Michael Markel, Dr. Konrad Vania, Direktor des Museums Europäischer Kulturen in Berlin, Prof. Dr. Horst Schuller Anger, Richard Wagner und andere. Foto: Bundespresseamt Und nun stehen nur noch einige, aber immerhin einige von ihnen mit ihren Texten mitten in der Gegenwart als Zeu­gen von Umständen und Zuständen, die heutzutage kaum mehr jemand begreift, noch nicht einmal sie selbst. Was hat man doch alles an Literatur hergestellt, was man heute als solche nicht mehr gelten lassen kann. Dennoch können sich die meisten beim Wiedersehen in die Augen sehen. Die Texte helfen dabei.

Eine völlig andere, die deutsche demokratische Bundesregierung, hat am späten Nachmit­tag des 4. September durch ihren Beauftragten für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, den „rumäniendeutschen Autorin­nen und Autoren“, Dichtern aus jener so fernen Welt, die der deutschen Literatur so nahe ge­kommen sind, Gelegenheit gegeben, zumindest etwas von dem nach und nach verblassenden und doch so wichtigen Wissen in ihr Zentrum, ins Bundeskanzleramt, zu tragen. Das Bundes­institut für Kultur und Geschichte der Deut­schen im östlichen Europa in Oldenburg hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Serie von Autorenlesungen durchgeführt, die von der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart gefördert wurden und sich in den Rahmen der Veranstaltungen rund um Hermannstadt, die europäische Kulturhauptstadt 2007, fügten. In diesem Zusammenhang stand auch die Lesung und Begegnung im Bundeskanzleramt.

Nun ist dieser repräsentativ sich gebärdende Bau zwar nicht das Ambiente, das den Leuten des Wortes und ihren Worten anheimelt, doch ist ein Schriftsteller nicht nur im Bundes­kanz­ler­amt, sondern vom Wesen her überall ein Fremder. Um so merkwürdiger und reizvoller deshalb, zu sehen, wie all diese Fremden auf oft komplizierte und spannungsreiche Art miteinander vertraut sind. Man kennt sich, der kleine deutsche „Kulturbetrieb“ von ehemals im kommunistischen Rumänien mit seinen sächsischen, schwäbischen und Bukarester und sonstigen Grüppchen besteht in den Köpfen fort mit al­len Bindungen und allen Gegensätzen, mit allen Komplizen- und Gegnerschaften. Doch fort besteht er eben nur in den Köpfen. Denn die Literatur, die in Rumänien in deutscher Sprache entstanden ist und das Ver­legenheitsbeiwort „rumäniendeutsch“ erhalten hat, die also Staatsminister Neumann in seiner Be­grüßung folgerichtig auch „die als rumäniendeutsch bezeichnete“ nannte, diese Literatur, die in der Bundesrepublik Deutschland eine erstaunliche Resonanz gefunden hat, sie mag einmal einen monolithischen Eindruck gemacht haben, da sie auf einer Not- und Solidar­gemein­schaft gegen Gängelung und Diktatur beruhte. Heute sind jene, die ihr angehört, sich ihr angehörig gefühlt haben, mehr oder minder erratische, mehr oder minder massive Präsenzen in einem anderen „Betrieb“, in dem sich kulturgeographische, literarsoziologische oder typologische Zuschreibungen wie beliebige Etiketten ausnehmen. Die „rumäniendeutsche Literatur“ ist in einer europäischen Wirklichkeit „angekommen wie nicht da“, so hat es Herta Müller ge­sagt, eine besonders Angekommene.

„Weltweite Wirkung“ sei, so der Staats­minis­ter, von Siebenbürger Sachsen und Banater Schwa­ben ausgegangen, was er mit einer denkbar bunten Mischung von Galionsfiguren illustrierte: Johannes Honterus, Hermann Oberth, Johnny Weissmüller und Oskar Pastior. Mitt­ler­weile haben die deutschen Autoren aus und in Rumänien sich ausweislich des Einladungstex­tes durch ihre Übersetzungen aus dem Rumä­nischen gar als „Mittler zwischen den Kulturen ... um das zusammenwachsende Europa sehr ver­dient gemacht“. Auch Joachim Rogall von der Robert Bosch Stiftung wusste die „Grenz­gänger“ so zu rühmen, wie sie die von ihm vertretene Einrichtung zu fördern weiß. Dass diese ätherisch-balsamische Rhetorik ei­nen handfesten Boden hat, führte Peter Motzan vom Münchner Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas so scharf differenziert wie geschliffen formuliert vor. Er umriss das Bild einer Gruppe von Individualisten, die mehr gemeinsam haben, als sie denken. Ihnen ist das Spannungsverhältnis zwischen Mitte und Rand zum Impuls, die Entscheidung zwischen Heimat und Fremde unmöglich oder unerheblich, die Unterscheidung zwischen Abschied und Ankunft zur Unwägbarkeit geworden. Im Unter­schied zu ihnen, die ihre östlichen Erfahrungen zum „fremden Blick“ auf bundesdeutsche Ver­hältnisse nutzen und zugleich rumänische Lite­ratur mit einigem Eifer ins Deutsche holen, gibt es auch in Rumänien noch – zum Teil sehr junge – Menschen, die in deutscher Sprache schreiben. Es entstehen also weiterhin Zeichen einer Zukunft, Hoffnungszeichen, ohne dass man wüss­te, was zu hoffen ist. Solche, von denen man einiges weiß, weil sie es so sagen, dass es zu wissen sich lohnt, ka­men, umrahmt durch das virtuose Violinspiel von Marianne Böttcher, in einer Lesung zu Wort.

Der rumänischen Dichterin Ana Blandiana aus Bukarest gerät der Vortrag ihrer eigenen Verse stets zum psalmodierenden Ritual. Auch diesmal profitierte sie davon, dass Franz Hodjak, ihr Kollege und Übersetzer aus Hermannstadt, Klausenburg und Usingen im Taunus, seine deutschen Nachdichtungen schon per Diktion so erdete, dass man sich fast erleichtert an den tiefenscharfen poetischen Bildern und differenzierten lyrischen Modulationen freuen konnte. Hodjaks Übersetzungsarbeit vermittelt nicht nur Blandianas dichterische Kraft, sondern auch ein Staunen darüber, dass die Autorin einer Vorstellung von Poesie zu genügen, ihr gar Leben einzuhauchen versucht, die sie im Grunde selbst widerlegt.

Gehaucht hat die Banaterin Herta Müller aus Berlin noch nie, der Schärfe ihrer Bilder und ihrer Weltbefragung entspricht die ihrer Aus­sprache. Diese kam postum auch Oskar Pastior zugute, Herta Müller las zwei Texte des „Wirksamsten“ von all denen, die ihn jetzt im Kanz­leramt vermissten. Er selbst hätte sein Fehlen vielleicht nicht als Versäumnis betrachtet. Was aber der Sarg des Papstes mit einer schwäbischen Ausreisekiste und deren Transport zum Zoll, was die Ausreise aus Rumänien mit dem Schnee vom Januar 1945 und was der „Prüfer“ im Auffanglager Nürnberg mit der rumänischen Securitate zu tun haben, das alles erschließt sich, wenn man Herta Müller zu folgen bereit ist. Wer das tut, wird mit der Erkenntnis be­lohnt, dass selbst die beinahe marottenhafte Su­che nach Hintersinn in sprachlichen Zufällen, etwa dem Gleichklang der rumänischen Wörter für Schnee und Onkel (nea), melancholischen, ja schmerzlichen Lustgewinn bedeuten kann. Melancholie versprüht der Hermannstädter Joachim Wittstock, wenngleich jeder, der ihn jemals gelesen oder hat lesen hören, beim Wort „versprühen“ eher lächeln dürfte. Dennoch: Sie­benbürgen und die Leibnizschen Monaden, das ist ein Zusammenhang, der, wenn man ihm nachhorcht und nachdenkt, nicht nur ein-, sondern auch aufleuchtet. Mit den Pflastersteinen um die Wette leben, das kann, erfahren wir von Joachim Wittstock, eine Anmutung des wahren Lebens im falschen sein, und diese Anmutung – aber auch ihr Gegenteil – wird weitergesponnen in einem Text über den Hermannstädter Jungen Wald, wo das Dorfmuseum eine Ahnung gibt davon, „was mit den Dörfern geschieht, mit der Stadt jenseits des Stadtwalds, mit den Men­schen jenseits der Menschen“.

„Jenseits“ wird sich manch einer empfunden haben hier, der/die aus der Donautiefebene oder dem Karpatenbogen auf allerhand seltsamen Versfüßen, Umwegen und unter Hinter­las­sung manchen Fersengeldes ins Berliner Kanz­leramt gelangt oder geraten war. Der abschließende Empfang aber just vor der Kanzler­gale­rie, wo sie alle hängen, von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl in Öl, nur Gerhard Schröder wie eine Pointe in Gold, dürfte vielleicht ein wenig begütigt haben. Schon allein durch den Gedanken, dass die Bilderreihe, der man jetzt gegenüberstand, nichts, aber auch gar nichts mit jenen Bilderreihen zu tun hat, die einst in offiziösen sozialistischen Räumlichkeiten das Fürchten lehrten, jenes Fürchten, das schließlich in einem einzigen Bild auf die Spitze des Entsetzens getrieben wurde und sie alle aus jenem Rumänien hinausgetrieben hat.

Man hat sich in Berlin zwar eingefunden, wiedergefunden hat man sich nur bedingt, man hat sich aber wiedergesehen, und das ist nach alledem viel.

Georg Aescht

Schlagwörter: Lesung, Literatur, Kulturförderung

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