18. April 2006

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Städtepartnerschaften - Idee und Praxis

In den vorangegangenen beiden Artikeln dieser Reihe (Siebenbürgische Zeitung Online vom 30. Januar und 28. Februar 2006) wurden die finanziellen und verwaltungstechnischen Aspekte des EU-Programms Städtepartnerschaften vorgestellt. Im Folgenden werden nach einem kurzen geschichtlichen Exkurs einige städtepartnerschaftliche Aktivitäten vorgestellt. Die Beispiele verdeutlichen, dass innovative Projekte die Annäherung von Menschen über Grenzen hinweg fördern.
Städtepartnerschaften haben eine 60-jährige Tradition, die auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgeht. Damals begannen die Menschen in dem vom Krieg erschütterten Europa Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden aufzubauen. Historiker werten die Verschwisterung von Orléans (Frankreich) und Dundee (Vereinigtes Königreich) im Jahre 1946 als die erste moderne Städtepartnerschaft. Diese basierte auf dem Wunsch, das 700-jährige Bündnis zwischen den beiden Städten, die so genannte "auld alliance", weiterzuführen. 1947 folgten weitere englisch-französische Partnerschaften. 1950 entstanden Städtepartnerschaften zwischen französischen und deutschen Städten, die - nach dem Grauen des Krieges - vom Wunsch nach Aussöhnung geprägt waren.

Welchen Sinn und Zweck kann eine Städtepartnerschaft heute eigentlich haben? Die Erkundung, Erschließung und Bedienung neuer Absatzmärkte? Oder vielmehr den kulturellen Austausch? Soll sie die Entstehung und Weiterentwicklung einer Schulpartnerschaft ermöglichen? - Alle diese Ziele sind denkbar. Städtepartnerschaften sollen vor allem das gegenseitige Verständnis zwischen Bürgern der beteiligten Städte oder Gemeinden fördern.
Städtepartnerschaften beruhen auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Konzept: dem Zusammentreffen von Menschen, dem Austausch von Erfahrungen, Ideen und Informationen. Bleibt eine Städtepartnerschaft nur auf der Verwaltungsebene angesiedelt, ist die Erreichung des eigentlichen Ziels, die Einbindung einer breiten Schicht von Bürgern in die städtepartnerschaftlichen Aktivitäten, nicht möglich. Die Einbindung von Personen aller Alters- und Gesellschaftsgruppen ist von größter Bedeutung. So tritt die Zivilgesellschaft in verschiedensten Formen in Erscheinung: als Nichtregierungsorganisationen (NRO), Basisbewegungen, Gewerkschaften oder spezielle Interessengruppen. In Anerkennung der Bedeutung von Städtepartnerschaften für die Annäherung von Menschen verschiedener Länder Europas wurde 1993 der jährlich zu vergebende Preis "Die goldenen Sterne der Städtepartnerschaften" geschaffen. Anhand einiger bisher ausgezeichneter Projekte soll aufgezeigt werden, wie vielseitig und innovativ Städtepartnerschaftsprojekte sein können, und den Lesern Mut gemacht werden, sich selbst - vor ihrem persönlichen oder beruflichen Hintergrund - in solche Projekte einzubringen.

Grundschulkinder - die Zukunft in der Hand

Die bayerische Stadt Nürnberg veranstaltete eine einwöchige Zusammenkunft zweier Grundschulklassen: einer Klasse mit 27 Kindern aus der Gastgeberstadt und einer anderen mit 25 Kindern aus Prag, der Partnerstadt in der Tschechischen Republik. Der Schwerpunkt lag sowohl auf der Bedeutung der lokalen Kultur als auch auf der umfassenderen Stellung der beiden Städte in Europa insgesamt. In dieser Woche konnten die Kinder zusammen leben und lernen, gleichaltrige Kinder aus einem anderen Land kennen lernen und mit ihnen in Lernsituationen zusammen arbeiten. Aus pädagogischer Sicht bestand der Zweck darin, den Schülern zu helfen, die Bedeutung der Sprache für ein gegenseitiges Verständnis zu begreifen, ein Gespür für die gemeinsame Geschichte beider Länder und Städte zu bekommen und zu lernen, kulturelle Vielfalt zu respektieren und zu tolerieren.

Ländliche Gemeinden zusammenbringen

Die ländliche Stadt Samuel in Portugal veranstaltete im Juli eine Konferenz für die 15 Mitglieder der Charta des Netzwerks ländlicher Gemeinden in Europa. Zu den Delegationen mit insgesamt 179 Personen gehörten Fachleute und Jugendliche. Schwerpunkte der Diskussionen waren u.a. Migration und Ehrenamt. Jede vertretene Gemeinde (aus Belgien, Irland, Frankreich, England, den Niederlanden, Dänemark, Deutschland, Finnland, Griechenland, Spanien, Schweden, Luxemburg und dem Gastgeberland Portugal) stellte ihre gegenwärtige Lage vor. An den Gesprächen beteiligt waren auch Einwanderer und Arbeitgeber, die Einwanderer in ihren Unternehmen beschäftigen. Die Konferenz erwies sich als besonders erfolgreiches Forum für den konkreten Erfahrungsaustausch.

Menschen mit Behinderungen beteiligt

Im Rahmen der Partnerschaft zwischen der Stadt Hamm (Ruhrgebiet) und der nordenglischen Stadt Bradford wurde eine kleinere Partnerschaftsveranstaltung mit dem Schwerpunkt "Behinderte" durchgeführt. Die Teilnehmer nahmen an einem Programm mit zahlreichen kulturellen, pädagogischen, sportlichen und unterhaltsamen Veranstaltungen teil. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für die Gleichstellung, durch die aktive Beteiligung von behinderten Menschen gefördert wird.

Musik für die Ohren

Die Städte Tokaj (Ungarn), Friesach (Österreich) und Brda (Slowenien) sind aufgrund ihres gemeinsamen Interesses am Weinbau seit mehreren Jahren verbunden. In einer Konferenz suchten sie weitere Gemeinsamkeiten, über ihre Wirtschaftstätigkeit hinaus, zu entdecken. Das Thema war die verbindende Wirkung von Musik - einer echten gemeinsamen Sprache - auf alle Nationalitäten. Die Teilnehmer, von denen einige Sprecher von Minderheitensprachen waren, verband das gemeinsame musikalische Erbe.

Diskussion über die Zukunft Europas

Die ungarische Stadt Kesztehely am Plattensee feierte im Juni 2002 die Wiedereröffnung ihres Balaton-Kongresszentrums und Theaters nach fast zwanzigjähriger Schließung und lud dazu ihre Partnerstädte in den Niederlanden, Polen und Deutschland ein, um ihre Ansichten zu Europa zu diskutieren. Mittelpunkt der viertägigen Veranstaltung war ein Europatag mit Konferenzen und einem offenen Diskussionsforum. Die Fragestellung lautete konkret: Wie können die Städte Boppard (Deutschland), Hof Van Twente (Niederlande), Stary Sacs und Jedrzejow (Polen) zur Zukunft Europas beitragen? Die Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit lokalen, regionalen und nationalen Einrichtungen zogen rund 3000 Personen an und fanden ein großes Echo in den Medien des Landes.

Die Stadt der Zukunft

Die lettische Hauptstadt Riga veranstaltete eine hochrangig besetzte internationale Konferenz mit dem Thema "Die moderne Stadt". Rund 300 Teilnehmer aus 15 Ländern befassten sich schwerpunktmäßig mit der strategischen Stadtplanung. Zwei Tage lang wurden im Plenum, in Workshops, einer virtuellen Ausstellung und einer parallel organisierten Jugendkonferenz die Hauptaspekte der Stadtplanung der Zukunft erörtert. Die Konferenz zielte darauf ab, die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch zwischen Partnerstädten, europäischen Institutionen, Gemeindeverwaltungen und Unternehmern zu fördern. Dabei wurden Strategien und Aktionen, die die Gesundheit der Jugendlichen beeinflussen, Drogenprävention in Riga sowie Visionen zur Stadt der Zukunft diskutiert.

Über den Kork nach Europa

Für eine starke und dauerhafte Beziehung brauchen Städte einen kraftvollen Start. Deshalb hat Santa Maria da Feira, eine Stadt in Portugal, die mit der bulgarischen Stadt Targovishte verschwistert ist - ein auf die Produktion von Flaschenkorken spezialisiertes portugiesisches Unternehmen war durch seine Kontakte zu den Weinerzeugern aus Targovishte der Initiator -, die Partnerschaftsfeierlichkeiten mit einer Konferenz über Städtepartnerschaften und die EU-Erweiterung organisiert. Im Rahmen der Konferenz konnten die Zusammenarbeitspotenziale auf wirtschaftlicher, kultureller und auch administrativer Ebene aufgezeigt werden.

Die aufgeführten Beispiele deuten an, welches Potenzial an Miteinbindung für jeden Bürger als Teil der Zivilgesellschaft besteht. Gerade die Siebenbürger Sachsen verfügen über eine reiche Erfahrung im Umgang mit andersnationalen Menschen, die sie nicht nur in deutsch-rumänische Partnerschaften einbringen könnten, sondern auch im Rahmen von Partnerschaften, die ihre Heimatstädte und -gemeinden in anderen europäischen oder nichteuropäischen Ländern pflegen.

Christina Schuster

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 6 vom 15. April 2006, Seite 4)

Schlagwörter: EU

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