5. Juli 2019

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Festrede von Dr. Florian Kührer-Wielach zum 70-jährigen Verbandsjubiläum

Der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland wurde am 26. Juni 1949 in München gegründet. Die Festveranstaltung „Für die Gemeinschaft – 70 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V.“ fand im Rahmen des Heimattages am 8. Juni in der evangelischen St.-Pauls-Kirche zu Dinkelsbühl statt. In seiner Festrede mit dem Titel „Weil etwas fehlt“ würdigte Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS), das vielseitige Wirken des Verbandes in einer spannungsreichen Zeit. Am Anfang seiner Existenz habe der Verband darum gekämpft, „Menschen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung ihre verlorene Würde wiederzugeben“.
Der Redner betonte: „In einer Welt zunehmender Indifferenz und Beziehungslosigkeit steht die siebenbürgische Sache für Sinn, Bedeutung, Verbindlichkeit. Für eine Zukunft, die weder geschichtsversessen, noch geschichtsvergessen ist.“ Wichtig sei, dass Europa es begreife: Die gesamteuropäische, in der Mitte Europas verankerte Kultur der Siebenbürger Sachsen, ihre Geschichte und Gegenwart, stelle „einen unersetzlichen Teil des europäischen Kulturerbes dar“. Die Festrede wird im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben. Festveranstaltung: Für die Gemeinschaft – 70 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Video: Günther Melzer „Wer hat eine schwarze Damen-Hängetasche aus Leder in Dinkelsbühl verloren? Sie wurde am Sonntag, dem 3. Juni 1990, … vor der Schranne während der Tanzgruppendarbietung gefunden. Die Tasche kann in der Bundesgeschäftsstelle der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen … bei genauen Angaben über den Inhalt, abgeholt werden.“ (Siebenbürgische Zeitung vom 15. Juni 1990, Seite 5)

Es gab wohl wenige Momente in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, in denen sie gleichzeitig so hoffnungsvoll und doch getrieben, so zielgerichtet und doch zerrissen waren wie an jenem ersten Heimattag nach den denkwürdigen Ereignissen des Dezember 1989 und allem, was darauf folgte. Was würden wir in der verlorenen Tasche finden, deren Auffindung damals freundlicherweise in der Siebenbürgischen Zeitung inseriert wurde? Einen rumänischen Reisepass? Oder einen deutschen? Ein Päckchen Kent? Ein Päckchen West? Eine Siebenbürgische Zeitung, einen Neuen Weg?

Ein Blick in die verlorene Tasche

Lassen Sie uns also gemeinsam einen Blick in die verlorene Tasche werfen: Ich sehe Männer und Frauen, die in den Karpatenbogen gerufen werden, weil es dort an Menschen fehlt, die das Land im Sinne der Krone bewirtschaften und notfalls verteidigen, sehe also teutonici bzw. saxones, die im Laufe der Jahrhunderte zu Siebenbürger Deutschen, Sachsen, werden. Ich sehe einen Freibrief, auf den sie sich juristisch und moralisch berufen werden, eine Region, die sich im Zusammenspiel verschiedener Gruppen und Individuen zu einem Fürstentum entwickelt, manchmal mehr, manchmal weniger unabhängig von den großen Mächten. Sehe Mut und Fleiß und manchmal erstarrte Strukturen, die vor allem der Sicherheit und Stabilität dienen sollen, aber auch den Willen zur Veränderung, zu Reform und Reformation, Innovation und Bildungsstreben, sehe unzählige Kirchenburgen, die das Ringen um und zwischen Freiheit und Sicherheit auf einzigartige Art und Weise verkörpern. Ich sehe Loyalität zur Obrigkeit, die jedoch auf Gegenseitigkeit beruhen muss, größtmögliche Selbstbestimmung nach innen und Abgrenzung nach außen, einen stetigen, manchmal vielleicht auch überbetonten Austausch mit den deutschen Zentren Mitteleuropas und eine gewisse anlassbezogene Renitenz gegen die Verösterreicherung der Sachsenkultur in religiösen, administrativen und mentalen Belangen.

Ich sehe jedoch auch, wie die deutsch-affine, später deutschtümelnde Rhetorik eine spätere „Heimkehr“ in welches deutsche Reich auch immer zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden lässt. (Von Stämmen und Stammeskultur ist da die Rede, als würden Winnetou und Old Shatterhand durch die siebenbürgische Heide reiten.) Sehe Königreiche vor und nach 1918, die es den Sachsen immer leichter machen, sich einem fernen Mutterlande zuzuwenden. Sehe Krieg, zerrissene Loyalitäten zwischen Vater- und Mutterländern, kalte Eltern kalter Heimaten, die ihre Schutzbefohlenen an die Front und in den Tod schicken. Sehe die grünen Tapets in den Pariser Vororteschlössern, auf denen die robusten Flickenteppiche, an dem so viele Menschen über die Jahrhunderte gewoben haben, mit Beton übergossen werden. Ich sehe es die Sachsen zuerst nicht sehen kommen, sehe, wie ihnen das Momentum fehlt, die Zeichen der Zeit zu erkennen, sehe, wie sie diese jedoch bald viel zu gut zu deuten vermögen. Sehe den unbändigen Aufstiegswillen einer jüngeren Generation, Karriereoptionen, die in Siebenbürgen fehlen, die viele von ihnen in die Arme der Nationalisten, später der Nationalsozialisten, treibt. Sehe viele, die dies ablehnen, sehe aber auch, wie ihnen die Durchschlagskraft fehlt, sehe ihnen die Selbstbestimmung endgültig entgleiten. Sehe Sachsen, die keine Wahl hatten, und solche, die sie durchaus gehabt hätten, sehe den multiplen Selbstmordversuch Europas, Millionen Tote im Krieg, in der Shoa, in den Fluchtbewegungen, den Vertreibungen und Deportationen infolge des zweiten großen Krieges. Das vermeintliche „Bollwerk der Christenheit“ verschiebt sich nach Westen, sehe die Sachsen zerrissen, immer fehlt die Hälfte, der Vater, die Mutter, die Großmutter, der Bruder, die Tante, die Söhne…

Ein Eiserner Vorhang senkt sich auf Europa, ein langer Winter steht bevor.

Die Wiedererlangung von Würde

Und so fanden sich die Sachsen in München zu einem Verband zusammen, im ersten möglichen Moment, im Moment des Grundgesetzes, 1949, vor 70 Jahren. Ein erster Schritt, um wieder ein Akteur zu werden. Sich gegenseitig Hilfe zu leisten in einer Zeit, in der nicht etwas, sondern es an nahezu allem fehlte.

Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass der erste Sitz des Verbandes in der Himmelreichstraße war, am Englischen Garten, ziemlich genau auf der Luftlinie zwischen Siegestor und Friedensengel gelegen. Man hat früh verstanden, dass Kommunikation über Räume hinweg das wichtigste ist, um aus den „Splittern der Splitter eines Splitters“ einen Spiegel zu formen, darum ist die Rolle der 1950 gegründeten Siebenbürgischen Zeitung bis heute kaum zu überschätzen. Nur ein Jahr später findet der erste Heimattag in Dinkelsbühl statt. Ein weiterer Erfolgsfaktor des Verbandes. Die in der Zeitung über Distanzen gepflegte, virtuelle Zusammengehörigkeit fand auf diese Weise ihre dringend nötige Erdung, denn kein Medium der Welt kann die direkte Begegnung, das Gespräch, das Örtliche, ersetzen. Erster Heimattag der Siebenbürger Sachsen in ...Erster Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl 1951. Die Kundgebung hat der Fotograf Oskar Netoliczka vom Turm des Münsters St. Georg aufgenommen. Der Verband war von Anfang an eine „All-Age-Institution“. Bald entstanden Altersheime, und auch die Jugend spielte eine zunehmende Rolle – eine Rolle, die sie sich zeitweilig erkämpfen muss(te), in alter sächsischer Tradition. Im symbolischen Dreieck zwischen Drabenderhöhe, Schloss Horneck und Dinkelsbühl realisiert sich bis heute die Geschichte der Siebenbürger Sachsen in Deutschland nach 1945: das Örtliche erdet das Virtuelle, Breitenkultur tritt zu Wissenschaft und Kunst, die Zerrissenheit wird mit dem Versuch, geschlossene Siedlungen zu gründen, kompensiert. Ich sehe also eine nahezu geräuschlose Integration, ab 1953 unterstützt vom Bundesvertriebenengesetz, vielleicht manchmal ein wenig zu geräuschlos, angepasst? Doch mit dem Rücken zur Wand, ohne ein absehbares Zurück und mit einem noch zweifelhaften Vorwärts, wird man vielleicht zwangsläufig etwas leiser.

„Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen, bedeutet ihn im Geiste töten“, heißt es in der Charta der Heimatvertriebenen des Jahres 1950, und: „Die Völker müssen erkennen, dass das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen, wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert.“ Neben Fragen der Identität und der Ökonomie wird hier ein Drittes angesprochen: Würde. Die Würde des Einzelnen, die Würde einer Gemeinschaft. Und genau diese Aufgabe hat der Verband gerade am Anfang seiner Existenz erfüllt. Er hat darum gekämpft, Menschen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung ihre verlorene Würde wiederzugeben. Wir sollten das in all den Diskussionen um Identität und ökonomischen Nutzen von Flucht und Auswanderung, Zuwanderung und Integration nicht übersehen. (Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es auch Sachsen waren, die führend an den Ereignissen beteiligt waren, die überhaupt zum Verlust dieser Würde geführt haben.)

Der Verband wurde bald zur Landsmannschaft, ein Begriff, der eigentlich auf das Vornationale, das Regional-Gemeinschaftlich, Räumlich-Kulturelle verweist. Wichtiger war aber in dem Moment die Eingliederung in Deutschland, die mit einer Betonung des Deutschtums einherging. So fungierte die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen auch aus Identitäts- und Integrationsmaschine, die den Korridor des Möglichen, Sagbaren und Nötigen weder zu schmal, aber schon gar nicht zu breit werden ließ. Und trotzdem – da war noch etwas, da ist noch etwas, etwas, das fehlt: die alte Welt, die Heimat.

Das „Eigentümliche“ herüberretten

So wird der „Verband“ zu einem solchen im doppelten Wortsinn: nicht nur zu einem Zusammenschluss, sondern auch zu einer Art Druckverband, der die Schnittstellen der erlittenen Amputation vor Infektionen schützen soll, ein Verband, der in der nun angebotenen Welt die Phantomschmerzen eines fehlenden Siebenbürgen unterdrücken muss. Dazu kam die Frage nach dem „Eigenen“. Früher war es die Angst, assimiliert zu werden, zuerst vom Ungarischen, dann vom Rumänischen, die die Sachsen in ein intensiveres Deutschtum trieb. In Deutschland nun stellte sich heraus, dass die Integration auch ein völliges Auf- und Untergehen des Siebenbürgisch-Sächsischen bedeuteten könnte. Aus dem sogenannten „Volksstamm“ drohte bundesdeutsches Kleinholz zu werden.

Wenig verwunderlich, dass das Offensichtliche, Plakative, Sinnlich-Emotionale, an Bedeutung erlangte: Sprache, Kulinarik, Tracht und Tradition wurden aus einem verlorenen Alltag heraus herübergerettet und zu Merkmalen des „Eigentümlichen“, „Eigen-Sinnigen“. So wurde Siebenbürgen, das kaum mehr erreichbare, sich immer weiter entfernende Siebenbürgen, zu einem Phantasma, gleichzeitig zu einem verlorenen Paradies und zu einer Hölle auf Erden, aus der die verbliebenen Sachsen gerettet werden mussten. Landsmannschaft und Zeitung stürzten sich in die Schlacht um die Meinungshoheit – bleiben- oder gehenlassen? Rausholen oder vor Ort unterstützen? – und nicht jedes Argument lässt sich aus heutiger Sicht problemlos nachvollziehen.

Bleiben oder Gehen – es war keine leichte Entscheidung, niemand aber, der sie nicht treffen musste, hat das Recht, darüber zu urteilen. Fest steht jedenfalls, dass die beste Ausreisepropaganda vom kommunistischen Regime und seinen Untaten selbst betrieben wurde. Das Rumänien der Nachkriegszeit war definitiv kein Paradies. Trotzdem ist festzustellen, dass das Leben dort, zumal das siebenbürgisch-sächsische, auch in den vier Jahrzehnten des Kommunismus nicht stehen geblieben ist.

Die Gralshüter in Siebenbürgen

Und so schien sich ab 1989, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war und die Welt eine Zeitlang vergeblich auf das „Ende der Geschichte“ wartete, die Kluft zwischen den Sachsen in Siebenbürgen und im Westen eher zu vergrößern als zu schließen. Während sich mit dem Massenexodus das quantitative Verhältnis noch einmal massiv Richtung Deutschland verschob und der Verband und seine Zeitung seine höchsten Mitglieds-, Teilnehmer- und Abonnentenzahlen erreichte, rang man in Siebenbürgen zunehmend um Präsenz und Existenz.

Nach Ende des Erdrutsches der frühen 1990er-Jahre aber sollten die Sachsen in Siebenbürgen allmählich zu Gralshütern der Gemeinschaft mutieren. Denn ein Leben außerhalb Siebenbürgens ist möglich, keines aber ohne Siebenbürgen. Aus früherer, westlicher Sicht Schutz- und Rettungsbedürftigen wurden zunehmend alter egos, die „anderen Eigenen“, die „eigenen Anderen“, die dazugehörten, auch wenn sie nach den Jahrzehnten der Trennung zwangsläufig eben „anders“ geworden waren. – Freilich muss uns bewusst sein, dass diese Entwicklung genauso unter umgekehrten Vorzeichen, aus siebenbürgischer Sicht, beschrieben werden kann (und muss).

Ein neuer Pragmatismus hielt Einzug, die Beziehungen zwischen den Sachsen in Rumänien und Deutschland rückten in den Mittelpunkt: So wie die Landmannschaft, die seit 2007 glücklicherweise wieder Verband heißt, vielleicht einst manches zur Entfremdung beigetragen hat, hat sie in den vergangenen Jahrzehnten einen veritablen Beitrag geleistet, um Einigkeit in der Vielfalt sächsischer und siebenbürgischer Prägungen zu erreichen. Es ist wohl dieser lebendige und immer lebendiger werdende Austausch zwischen den verschiedenen Regionen und Ländern Europas und darüber hinaus, der die ungebrochene Vitalität der Siebenbürger Sachsen ausmacht. Mangels Kaiser und König sind sie es heute selbst, die verschiedene Arten von Präsidenten, Führungspersönlichkeiten und Repräsentanten in den Gesellschaften, denen sie angehören, stellen. Ohne organisierte Zusammenschlüsse, Institutionen, Foren und Verbände als home base, als „Heimat-Basis“, wäre dieses Engagement mit alle seinen erreichten und noch zu erreichenden Zielen wohl nicht möglich.

Neue Aufgaben: Aufarbeitung, Öffnung, Sinngebung

Als ich mit meinem vierjährigen Sohn die Festschrift zum sechzigjährigen Verbandsjubiläum durchgeblättert habe, war es gar nicht so einfach, die aufkommenden Fragen zu den Bildern zu beantworten. Gusto Gräser einsam vor der Kulisse des zerbombten München – man kann beruhigen: Du kennst die Stadt, die wurde mit vereinten Kräften wiederaufgebaut. Heimattag in Dinkelsbühl (1951) – warum die vielen Menschen denn da auf dem Platz sind? Die freuen sich, dass der Krieg vorbei ist … Und nach dem Fest, da fahren die alle wieder nachhause? – Schwierig zu erklären, dass die meisten wieder abgefahren sind, aber wohl nicht nachhause. Schwierig, und schön: meine Generation hat gerade noch die Spaltung Europas in zwei Einflusszonen erlebt und kann ihre Auswirkungen bis heute deuten. Eine Generation später ahnt man nichts mehr von Blöcken, Eisernen Vorhängen, Kalten Kriegen. – Wir dürfen nur nicht versäumen, diese Erfahrungen weiterzuerzählen. (Auch dies eine wichtige Aufgabe des Verbandes und aller Sachsen.) Dr. Florian Kührer-Wielach während der Festrede ...Dr. Florian Kührer-Wielach während der Festrede in der St.-Pauls-Kirche in Dinkelsbühl. Foto: Petra Reiner Ich habe den Eindruck, dass der Großteil der Siebenbürger Sachsen besonders positiv mit der neuen Freiheit umgegangen ist. Denn trotz aller hier bereits angedeuteten Komplikationen und Entfremdungen wuchs seit 1989 zusammen, was zusammengehört. Der Verband hat das Seine dazu beigetragen. Vielleicht war es vor 1989 manchmal auch nur ein Siebenbürgen-Surrogat, das geboten wurde, werden konnte. Aber es gilt hier dasselbe wie in der Küche: besser ein Glas Zacuscă ohne siebenbürgische Tomaten als gar keine Zacuscă. Man nimmt, was man kriegt.

Nun können wir wieder Paradeis aus Siebenbürgen bekommen. Ist die Mission des Verbandes also beendet? Sehr geehrte Damen und Herren, Sie kennen die Antwort besser als ich: keineswegs. Gewiss aber hat sich das Aufgabenprofil in den kommenden Jahren verändert und es wird sich weiterhin verändern.

Drängend erscheint mir erstens eine konsequente, professionelle sowie sachliche Aufarbeitung aller braunen und – mit Blick auf die Securitate und ihre giftige (Nach)wirkung – auch roten Flecken in der Verbandsgeschichte. (Diese ist auch bei der Vorgängereinrichtung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, dem Südostdeutschen Kulturwerk, nötig, nicht nur wegen der personellen Verflechtungen zwischen Verband/Landsmannschaft und Kulturwerk.) Es geht dabei auch darum, zukunftssichere, weil mit sich historisch im Reinen befindliche Institutionen zu haben. Gemeinsam müssen wir uns die Frage stellen: Wie stürzt man so manches Denkmal, ohne die Menschen mit den Trümmern zu erschlagen?

Zweitens werden sich die Sachsen und ihr Verband noch konsequenter als ohnehin schon geschehen vom Beharrungs- und Einheitsdenken lösen müssen: „Unus sit populus“ führte der Goldene Freibrief von 1224 an, und noch heute wünschen viele sich „Wir wollen bleiben was wir sind“. Es sind nachvollziehbare Wünsche, nur sieht die Realität schon längst anders aus, war sie wohl auch immer. Aus dem apodiktischen Einheitsstreben, das ja, zumindest wenn es um die rumänische Nationalgeschichtsschreibung geht, ohnehin stets Unwohlsein auslöst, ist längst ein Realpluralismus geworden: „In varietate concordia“ – Einigkeit in der Vielfalt. Und auch das mit dem Bleibenwollen wie man zu sein scheint ist so eine Sache: es gibt einen guten Mittelweg zwischen Beharrungsdrang und Modernisierungszwang.

Die große Chance, nicht auf das Phantasma der Jahrhunderte währenden Kontinuität hereinzufallen, besteht darin, die eigenen biographischen, kollektiven Brüche besser zu verstehen und zu akzeptieren: Dinkelsbühl, Gundelsheim, Drabenderhöhe – selbstverständlich wird hier an Traditionen angeknüpft. Letztlich handelt es sich aber gleichzeitig um völlig neue Phänomene, wie auch die Handlungsorte für die jahrhundertealte Geschichte der Siebenbürger Sachsen relativ neue sind. Wir reden also eigentlich nicht von Surrogaten, sondern von einer sinnvollen und möglichst attraktiven Neuinterpretation der alten siebenbürgischen Rezepte. Die Reihe an Möglichkeiten, an das Siebenbürgische, das Siebenbürgisch-Sächsische, anzudocken, wird in diesem Sinne noch größer werden: schon heute hat die Frage, ob jemand, der sich für die Region und ihre Kultur engagiert, Wurzeln in Siebenbürgen habe, zwar nicht an Interesse, aber an Relevanz verloren. Und das ist gut so.

Mein dritter Punkt: In einer Welt zunehmender Indifferenz und Beziehungslosigkeit steht die siebenbürgische Sache für Sinn, Bedeutung, Verbindlichkeit. Für eine Zukunft, die weder geschichtsversessen, noch geschichtsvergessen ist. Noch viel deutlicher wünsche ich mir zu spüren, dass das siebenbürgisch-sächsische Angebot ein Zukunftsangebot ist und nicht bloß die Verwaltung eines vergangenen, wenn auch großen Erbes betrifft. Mir ist bewusst, dass viele Maßnahmen und Überlegungen bereits in diese Richtung weisen, vieles schon getan wurde und wird. Umso besser.

Ideelle Paten Europas?

Jedenfalls werden die Aufgaben und Herausforderungen zwischen Aufarbeitung, Öffnung und Sinngebung nicht weniger, ein Verband wie jener der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, seine Angestellten und Ehrenamtlichen, alle Mitglieder, haben enorm viel zu leisten. Dies ist kein Selbstzweck, sondern ein Dienst an der eigenen Gruppe und weit darüber hinaus: Allen sind die Sachsen alles geworden, könnte man frei nach Paulus sagen, zuerst gerufene Landschaftsarchitekten der ungarischen Krone, später brave Steuerzahler Habsburgs, außenpolitischer Fuß in der Tür der reichsdeutschen Politik, schutzbedürftige Minderheit, dann Integrationsweltmeister und Wiederaufbauhelfer, heute Hüter des Kulturerbes und Brückenbauer zwischen den Kulturen, Regionen, Nationen Europas.

Alles richtig, alles wichtig, um vor der Geschichte zu bestehen. Ein Aspekt fehlt jedoch, insbesondere in der europäischen Dimension: Allein die Tatsache, dass es sie gibt, ihre bloße Existenz, ist der wesentlichste Beitrag, den die Siebenbürger Sachsen leisten. Gäbe es den „Eigen-Sinn“ nicht mittlerweile auch als wissenschaftliche Erkenntniskategorie, man müsste ihn erfinden, um Geschichte und Gegenwart der Siebenbürger Sachsen gerecht zu werden: mitsamt Siebenbürgen, der Landschaft, die sie gemacht hat, und die sie wiederum mitgeprägt haben; als eine deutschsprachige lutherische Insel bei gleichzeitiger Beibehaltung von allem Katholischen, das nützlich oder schön ist; als die wohl unösterreichischsten Österreicher und die undeutschesten Deutschen; als historisch ungewöhnlich gut abzugrenzende Gruppe mit allen guten und schlechten Aspekten, die eine solche Geschlossenheit mit sich bringt; mit der Fähigkeit, trotz dieser plakativen Geschlossenheit sich letztlich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen und zu öffnen (aber sich das notfalls nicht einzugestehen); mit ihren Modellen der Zwangsbeglückung wie die Nachbarschaften, die sich gleichzeitig als sehr sinnvolle Maßnahme kollektiver Überlebenssicherung erwiesen haben; mit ihrer Mehrsprachigkeit und ihrer „multikulturellen Kompetenz“, die sich jedoch zum Leidwesen mancher Reißbrett-Kulturalisten eher pragmatisch als idealistisch gestaltet, aber immerhin und wohl genau deswegen viele örtliche Konflikte verhindert hat; mit ihrer berechtigten Kritik an diversen historischen Kontinuitätsmodellen (nur um gleichzeitig eine anachronistische deutsche Kontinuität über achteinhalb Jahrhunderte und den halben Kontinent hinweg zu konstruieren); ihrer ostentativen Treue zu Krone und Staat, die aber – es sei noch einmal betont – auf Gegenseitigkeit beruhen muss; mit einer internen Konfliktdichte, die oft mehr Meinungen als Personen aufweist; ihrer Aufgespanntheit zwischen den westlichen und östlichen Rändern Mitteleuropas; mit ihrem Ringen um das kulturelle Erbe in Rumänien, im Verband und über die Heimatortsgemeinschaften, aber auch mit sehr viel privatem, individuellem Engagement; und dem steten Anspruch ihrer Institutionen auf Universalität, dem sowohl die Konflikte wie auch die schöpferische Kraft zwischen „Insidern“ und „Outsidern“ (in vielerlei Hinsicht) entspringen.

Ein Völkchen, schwer zu begreifen, wenn man ihm oberflächlich begegnet, eine Gruppe, die stets das Ende kommen sieht und doch gleichzeitig Präsidenten stellt, eine Gemeinschaft, die sich physisch und mental, emotional und sprachlich über Ost und West verteilt, der immer ein Teil zu fehlen scheint, das Deutsche in Siebenbürgen oder das Siebenbürgische in Deutschland. Und um aus der Selbstbezogenheit ein wenig auszubrechen: in Rumänen weiß man freilich, dass die Sachsen fehlen würden. Auch in Deutschland ist sich dessen eine breitere Öffentlichkeit bewusst und – so hoffe ich zumindest – allmählich und wohl viel zu spät, auch in Österreich. Wichtig ist, dass Europa es begreift: die gesamteuropäische, in der Mitte Europas verankerte Kultur der Siebenbürger Sachsen, ihre Geschichte und Gegenwart, Licht und Schatten, all das, und nicht allein einzelne materielle und immaterielle Aspekte, stellen für sich einen unersetzlichen Teil des europäischen Kulturerbes dar. Vielleicht sollten wir die Siebenbürger Sachsen und ihnen ähnliche Gruppierungen zu ideellen Paten eines zukünftigen Europas machen?

Konstruktive Kräfte

„Das Fehlende allein, die Absenz, zielt ins Herz des Wirklichen“, schrieb der kürzlich verstorbene, in Schäßburg geborene Lyriker und Schriftsteller Dieter Schlesak und ich denke, er ist damit ganz nah an allen konstruktiven Kräften, die die Siebenbürger Sachsen über die Jahrhunderte aufbrachten. Er selbst ist, wie viele, der „Eigen-Sinnlichkeit“ des Siebenbürgisch-Sächsischen, das ihm zweifellos auch selbst innewohnte, mit liebevoller, aber ausgeprägter Skepsis begegnet. Für einen Verband mit ganz bestimmten Aufgaben, mit einer Verbindlichkeit gegenüber seinen Mitgliedern, ist es kaum geboten, sich einer solchen Skepsis hinzugeben. Vielmehr musste und muss er zwischen den Gegensätzen makeln, im Idealfall verbindend wirken: zwischen Loyalität und Selbstbestimmung, zwischen geglückter Integration und verhinderter Assimilation, zwischen äußerer Geschlossenheit und innerer Meinungsvielfalt, dem Streben nach erwünschter Stabilität und der Tatsache erzwungener oder freiwilliger Mobilität, den Herausforderungen der virtueller Vergemeinschaftung und dem Bedürfnis nach konkreter „Ver-Ortung“, zwischen masochistischen finis saxoniae-Visionen und dem optimistischen, aber evidenzbasierten Glauben an eine eigene Zukunft.

Es ist natürlich auch ein wenig paradox: wir feiern hier das siebzigjährige Bestehen eines Verbandes, dessen Existenz im besten Falle nicht nötig gewesen wäre. Die Geschichte – und vielleicht auch die Sachsen selbst – haben sich aber anders entschieden. Die Arbeit des Verbandes der Siebenbürger Sachsen war und ist dringend nötig und wird es weiter sein. Darum darf ich ihm, all seinen Mitgliedern und Unterstützern, seinen Funktionären und Angestellten, den Siebenbürgern und uns allen ganz herzlich zum 70. Jubiläum gratulieren und ihm mindestens noch so viele fruchtbare Jahrzehnte des Wirkens wünschen. Was wir in siebzig Jahren in einer verlorenen Tasche hier in Dinkelsbühl finden werden? Ich weiß es nicht. Nur eines sehe ich nicht, eines fehlt mit ­Sicherheit: ein Ende.

Schlagwörter: Heimattag 2019, Jubiläum, Verband, Festveranstaltung, Festvortrag, Kührer-Wielach, IKGS, München, Siebenbürgische Zeitung

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