6. Mai 2019

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Ein literarisches Großereignis: Ana Blandiana in Temeswar

Der Festsaal der Lenauschule in Temeswar verwandelte sich Ende März für drei Tage in ein Auditorium und eine Bühne für einen lyrisch-politisch-literarischen Austausch der Lenauschüler mit der bekannten rumänischen Dichterin Ana Blandiana. Blandiana, die 1942 in der Fabrikstadt in Temeswar geboren wurde und einige Jahre ihrer Kindheit im Haus ihrer aus dem Dorf Murani bei Bruckenau umgesiedelten Großeltern verbrachte, fühlt sich seit je der Banater Hauptstadt verbunden. Nach dem Umzug nach Großwardein besuchte sie immer wieder ihre bis 1978 in Temeswar lebenden Großeltern, die ebenso wie ihr Vater Gheorghe Coman auf dem Fabrikstädter Friedhof begraben wurden. Nach der Revolution von 1989 gehörte sie zu den Befürwortern der „Proklamation von Temeswar“, die Bürgerrechtler der Stadt aufgestellt hatten.
Ana Blandianas Besuch in Temeswar, der Stadt ihrer Kindheit, gestaltete sich zu einem Großereignis. Es wurde perfekt organisiert von der Lenauschule mit ihrer Leiterin Helene Wolf und den Lehrkräften Dorina Ciuhandu, Codruța Pop, Florinela Savescu, Mirela Schwartzkopf, Tatiana Krista, Dorina Semeniuc und Lorette Cherăscu von den Fächern Rumänisch, Deutsch und Geschichte: Am Donnerstag traf Ana Blandiana zunächst eine Gruppe von Schülern der Gymnasialklassen 5-8 im Festsaal. Das Thema war: „Warum schreiben wir? Wie schreiben wir?“ Die Schüler hatten Schautafeln mit Zeichnungen und Versen von Ana Blandiana ausgestellt. Viele kannten ihre Kinderbücher mit den Geschichten über Kater Steckzwiebel (Arpagic), die bereits im Kommunismus für Furore gesorgt hatten. Ihr erstes Kinderbuch „Geschehnisse aus meinem Garten“ (1980) wurde mit dem Preis der Kinderliteratur des Rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet. Ana Blandiana bei der Lesung in der Aula der ...Ana Blandiana bei der Lesung in der Aula der Lenauschule. Foto: K. Kilzer Ihr zweites Kinderbuch „Geschehnisse auf meiner Straße“ erschien 1988 in einer Auflage von rund 100.000 Exemplaren. Da Kater Steckzwiebel (Arpagic) jedoch als Abbild des Diktators wahrgenommen wurde, wurde das Buch bald auf Anweisung von „höchster Stelle“ aus den Buchhandlungen entfernt. In einem Interview sagte Blandiana später: „Nie hatte ich daran gedacht, dass jemand denken könnte, ich betreibe Spott mit der Person von Ceaușescu in Form eines Katers Steckzwiebel, dem die Berühmtheit zu Kopf gestiegen war. Der große Verdienst jenes großen Skandals ist jedenfalls nicht meiner, sondern dieser entstand aus der Verzweiflung der Leser des Buches, die so groß war, dass sie jede Kleinigkeit bemerkten. Sie entdeckten auch Dinge, die es nicht gab… Ceaușescu erhielt da den Namen Steckzwiebel (Arpagic).“ Es folgten weitere Geschichten über den Bilderbuch-Kater, die gerne gelesen und auch gehört werden, da es mittlerweile auch eine Hörkassette (Humanitas Verlag) über die Katzengeschichten gibt.

Die Schüler der Lenauschule stellten zudem Fragen zu ihren Gedichten, Essays und ihrem politischen Engagement bei der Bürgerakademie (Academia Civică). Ana Blandiana und Katharina Kilzer, Herausgeberin des zweisprachigen Gedichtbandes „Geschlossene Kirchen“ (2018, ins Deutsche übertragen von Maria Herlo, Katharina Kilzer und Horst Samson), lasen danach Gedichte vor. Die Frage nach ihrem Lieblingsgedicht beantwortete die Autorin mit der Lektüre des Gedichts „Erinnerst du dich an den Strand“ (Îţi amintești plaja), erstmals im Gedichtband „Oktober, November, Dezember“ (1977) erschienen. Die Motive des Erinnerns, des Traumes sind zentrale Themen ihrer Gedichte. Die deutsche Version wurde den Schülern von Katharina Kilzer vorgetragen. Einige Schüler, wie Natalia Namoloiu, lasen eigene Gedichte vor und Isabella Prodan, Natalia Asultani-Hansmann u.a. steuerten eigene Gedichte und kleine Vorträge bei. Ana Blandiana (links) und Katharina Kilzer bei ...Ana Blandiana (links) und Katharina Kilzer bei der Lesung in der Lenauschule in Temeswar. Am zweiten Tag widmeten sich die Schüler der Lyzealklassen 9-12 dem Thema „Schreiben als Form des Widerstands“. Eröffnet wurde die Veranstaltung von der Literaturlehrerin Dorina Ciuhandu, die zusammen mit Schülern Tonaufnahmen von Lehrern, Schülern, Eltern, Großeltern von der Lenauschule gemacht hatten, die erzählten, welche Rolle Ana Blandiana und ihre Bücher in ihrem Leben gespielt haben. An den Wänden des Festsaals hatten die Schüler Collagen mit Auszügen aus den Büchern, Gedichten und Prosabüchern der Dichterin auf Leinen aufgehängt. Nach der Lesung stellten die Schüler Fragen. Der Schüler Radu Trică, Mitglied einer Theatergruppe, trug Blandianas Gedicht „Mutter“ („Mamă“) vor. Diese war beeindruckt und erzählte mit Begeisterung über ihr literarisches Schaffen, ihr Leben und wie Politik und „Schreiben als Form des Widerstands“ es beeinflusst hatten. Das Gedicht „Alles“ (Totul) wurde Zeile für Zeile erklärt: eine Aneinanderreihung von Begriffen und was diese fürs tägliche Überleben im Kommunismus bedeutet hatten, z.B. „Fähnchen schwenken“, „Ersatzkaffee“, „Einkaufsschlangen“, „Samstagsabendfilm“, mit „Gasflaschen betriebene Autos“ usw. – für die heutige Generation sind diese Ausdrücke kaum nachvollziehbar. Doch Erinnerungen sind wichtig, und so erzählte die Dichterin den Schülern Begebenheiten aus dem kommunistischen Alltag, die ihr als Inspiration für ihre Poesie dienten: Ana Blandiana stand unter Beobachtung der Securitate. Als im Dezember 1984 ihre Gedichte in der Zeitschrift „Amfiteatru“ erschienen , „Ich glaube“ (Eu cred), „Kinderkreuzzug“ (Cruciada copiilor), „Wir Pflanzen“ (Noi, plantele), „Alles“ (Totul), erhielt die Autorin sofort Publikationsverbot und die Mitarbeiter der Zeitschrift wurden entlassen. Die Gedichte verbreiteten sich jedoch per Handschrift oder als Fotokopien. Es war das erste literarische Samisdat Rumäniens. Die in der britischen Zeitung Independent (18. Februar 1989) veröffentlichten Gedichten begründeten Blandianas Ruf als Mahnerin wider die politische Unterdrückung in ihrem Land.

Die Begegnung mit der Dichterin endete mit einer Überraschung: Luca Dragu und Cătălina Ciortea sangen ein eigen komponiertes Lied nach dem Gedicht „Ohne eine Geste“ (Fără un gest) von Ana Blandiana. Der Tag endete mit viel Zustimmung und Applaus. Die Begegnungen wurden am Samstagabend bei einer Filmvorführung und Diskussion über die Gedenkstätte (Memorial) Sighet für die Opfer des Kommunismus und des kommunistischen Widerstands fortsetzte.

Am Donnerstag hielt Ana Blandiana eine Lesung zu „Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten“ vor einem großen Auditorium an der West-Universität Temeswar. Freitag folgte eine Buchvorstellung in der Buchhandlung Humanitas in der Prinz-Savoyen-Straße neben dem Domplatz, wo mehr als 150 Gäste versuchten, die Dichterin zu hören und um ein Autogramm ihres neuen Gedichtbands „Variationen zu einem gegebenen Thema“ (Variatiuni pe o tema data) baten, das zurzeit in Rumänien ein Bestseller ist (die zweite Auflage ist schon vergriffen). Auch in den Temeswarer Buchhandlungen waren ihre Bücher in diesen Tagen ausverkauft. Die Lehrerinnen der Lenauschule nannten den Besuch Blandianas „ein Gedicht“, dem wir noch weitere Strophen hinzufügen möchten.

Katharina Kilzer

ERINNERST DU DICH AN DEN STRAND?

Erinnerst du dich an den Strand voller schrecklicher Scherben, über die
wir barfuß nicht gehen konnten?
Die Art wie
du aufs Meer gesehen
und sagtest, dass du mir zuhörst? Erinnerst du dich an die hysterisch
kreisenden Reiher
im Glockengebimmel zweier nicht sichtbaren Kirchen
mit Fischen als Schutzheilige, an die Art wie du weggelaufen bist
aufs Meer zu
und riefst, du bräuchtest die Entfernung,
um mich ansehen zu können?
Schneeflocken vermengt mit Vögeln erlöschten
im Wasser,
in nahezu freudiger Verzweiflung
betrachtete ich
deine Fußspuren auf dem Meer, und das Meer
wie ein Lid, so schloss es sich
über dem Auge, in dem ich wartete.

(Übersetzung von Horst Samson aus „Oktober, November, Dezember“, 1972, veröffentlicht in „Geschlossene Kirchen“, Pop-Verlag, Ludwigsburg 2018)

Schlagwörter: Blandiana, Dichterin, Temeswar, Lesung, rumänische Literatur

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