10. Februar 2019

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Kampf um Gleichberechtigung

Ingrid Schiel: „Frei – Politisch – Sozial. Der Deutsch-Sächsische Frauenbund für Siebenbürgen 1921-1939“ (Studia Transylvanica, Band 47), Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 2018, 628 Seiten, 75 Euro (für AKSL-Mitglieder 52,50 Euro), ISBN 978-3-412-50954-5.
Die Historikerin Ingrid Schiel hat mit ihrer Promotionsarbeit eine tiefgehend recherchierte Studie vorgelegt, die einen bis dato recht vernachlässigten Aspekt der Geschichte sächsischer Lebensentfaltung in Siebenbürgen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund stellt. Mit „Frei – Politisch – Sozial. Der Deutsch-Sächsische Frauenbund für Siebenbürgen 1921-1939“ liefert die Autorin eine exzellente Synthese der Fakten und Prozesse im Hinblick auf die mitsprachebereite Hinwendung der sächsischen Frauen und ihrer Organisationen zu den politischen Räumen, in denen die Gestaltung der siebenbürgischen Lebenswelt vor und im gewandelten staatlichen Kontext der Zugehörigkeit zu Rumänien verhandelt wurde.

Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht der Freie Sächsische Frauenbund, der aufgrund der politischen Gegebenheiten 1930 in Deutsch-Sächsische Frauenbund für Siebenbürgen umbenannt wurde und dessen Vorläufer bis in die Epoche des österreichisch-ungarischen Ausgleichs reichen. Er war eine politische Dachorganisation diverser Gruppen, die sich sozial und politisch manifestierte und deren wandelnder Handlungsspielraum zum einen durch den rumänischen Staat und zum anderen durch die ethnische Selbstorganisation vorgegeben war. In diesem Zusammenhang geht es Ingrid Schiel vor dem Hintergrund einer national sich formierenden ethnischen Minderheit innerhalb des rumänischen Staates um die Zusammenhänge zwischen Nationalismus und nationaler Formierung auf der einen Seite und politischer Formierung von Frauen als Repräsentantinnen ihres Geschlechts auf der anderen. Dabei setzt sie die zeitgenössische wissenschaftliche Erkenntnis voraus, „dass Geschlecht als grundlegende und notwendige Kategorie ein Schlüsselelement zur Analyse von Nationskonzepten und Nationalismen darstellt“.

Einen weiteren Ansatz, der zu einer fundierten, über die siebenbürgische Geschichts- und Kulturtopographie hinausweisenden Erkenntnisqualität dieses Buches beiträgt, bietet der Blick auf das Transnationale beziehungsweise Internationale der organisierten Frauenbewegung bis weit in die Zwischenkriegszeit hinein. Deren Dimensionen boten entsprechende Tätigkeitsfelder und Entfaltungsmöglichkeiten auch für den Siebenbürgischen Frauenbund. Auch diesem Aspekt wird in der Studie nachgegangen.

Zum einen hat die Autorin die Geschichte der Frauenbewegung in der Habsburgermonarchie im Blickfeld, zum anderen gilt ihr Forschungsinteresse hauptsächlich der entsprechenden Szene im Königreich Rumänien. Gerade im Kontext einer Neuorientierung sächsischer politischer Bestrebungen in Richtung Bukarest nach 1920 war es nicht unwichtig, diese Kontextualisierung im Auge zu behalten – so wie Ingrid Schiel es tut – und das Sächsische mit den Erfahrungen von Außerhalb zu verknüpfen. Es galt diesbezüglich, viele der durch eine „bis heute andauernde Tabuisierung der politischen Partizipation von sächsischen Frauen im Königreich Rumänien“ verschütteten Fakten aufzuspüren und sie aufzuzeigen, das bis dahin in den Vordergrund gestellte Selbstreferenzielle facettenreich zu ergänzen. „Im Kampf um Brot und Geist“, 1927. Das Buch ...„Im Kampf um Brot und Geist“, 1927. Das Buch stammt aus der Bibliothek von Karl Kurt Klein und wurde von ihm oben auf dem Titelblatt signiert. Der Autorin gelingt mit ihrem Ansatz die Befreiung aus den ausschließlich aus ethnisch-nationaler Sicht gestanzten historisch-wissenschaftlichen Ansätzen bei der Aufarbeitung dieses Themas. Sie schafft es, das Paradoxe in den tradierten Darstellungen siebenbürgischer Frauenvereine in der offensichtlichen Betonung nationaler wie sozialgesellschaftlicher Anliegen der eigenen Ethnie und dem Verbergen der in den 1930er Jahren tabuisierten Anliegen dieser Körperschaften offen zu legen. Hierher gehören zudem auch die Querverweise zu dem Überdachenden der sächsischen Frauenorganisation durch den Internationalen Frauenbund/Frauenrat sowie die durch den Weltbund für Frauenstimmrecht gesetzten Orientierungsmarken. Die Studie erörtert zudem die Vernetzungsmöglichkeiten etwa mit der regen Frauenbewegung jenseits der Karpaten. Intensive Verbindungen bestanden zu Alexandrina Cantacuzino, der Vorsitzenden der Vereinigung rumänischer Frauen und des Nationalrates rumänischer Frauen, sowie dem Frauenweltbund zur Förderung internationaler Eintracht und dessen Generalsekretärin Hélène Romniciano (Elena Râmniceanu) in Genf. Faktenaufzählen und Analyse verbinden sich hier zu einem stimmigen Bild einer ereignisreichen Epoche, dargestellt anhand von Erfahrungen und Engagement politisch agierender sächsischen Frauen.

Im Aufbau der Studie sind die Ereignisse rund um den Freien Sächsischen Frauenbund respektive Deutsch-Sächsischen Frauenbund für Siebenbürgen chronologisch aufgebaut und in eine reflektiert nuancierte, grundlegende Analyse eingebettet. Beim Abstecken des in den Blick genommenen Zeitraumes geht die Autorin bis in die 1830er Jahre zurück, um wichtige Sinnzusammenhänge mit den späteren Realitäten der Frauenbewegung erfassen zu können.

Es gehört zum Verdienst dieser Publikation, den Fokus der Darstellung im Detail mal auf die Geschichte einzelner, wichtiger Frauenvereine zu richten, die exemplarisch für die Entwicklungsrichtung der siebenbürgisch-sächsischen Frauenbewegung stehen, anfänglich noch als einzelne konfessionsübergreifende, organisierte Fraueninitiativen im Zeichen sozialen Engagements oder aus der Not in der evangelischen Diaspora heraus als Unterstützung evangelisch-christlicher Lebensführung entstanden. Mal wird der Fokus auf die Diversifizierung und „Spezialisierung“ des Vereinswesens gelegt, die anhand des gesellschaftlichen Engagements über weibliche Erfahrung systematisch erfasst wird. Dementsprechend thematisiert die Arbeit unter anderem die seit den 1870er Jahren in den sächsischen Ortschaften agierenden Mädchenschulvereine und die sich vervielfältigenden Frauenbestrebungen, die männlicherseits zur Gründung des Allgemeinen Frauenvereins der Evangelischen Landeskirche A.B. in Siebenbürgen am 22. Mai 1884 führten.

Ingrid Schiel verfolgt im Fluss der Ereignisse rund um den Allgemeinen Frauenverein der Evangelischen Landeskirche sowohl die konsekrierten Vereinstätigkeitsfelder, die sich „aufgrund der natürlichen Arbeitsteilung der Geschlechter“ herausgebildet hatten (Hauswirtschaft, Schneiderei, kaufmännisches und gewerbliches Rechnen und Buchführung, Krankenpflege), als auch jene, über die sich die Frauen, oft im aufreibenden Kampf mit der gesellschaftsdominierenden Männerwelt, Freiräume etwa im Bereich der Bildung eroberten. Hierbei stellt sie etwa die Etablierung der Kindergartenidee, der Lehrerinnenausbildung, überhaupt der Frauenbildung allgemein und des damit verbundenen Schulwesens in Siebenbürgen (ab 1871/72) mit all den Facetten ihrer Verwirklichung im Kontext des österreichisch-ungarischen Dualismus in den Fragenkomplex zeitgenössischer Wissenschaft.

Das Augenmerk der Autorin auf den Wandel im gesellschaftlichen Frauenbild durchzieht als roter Faden die Abhandlung. Es konzentriert sich schließlich im Kontext der politischen Auswüchse des ungarischen Nationalismus auf das Heraustreten der sächsischen Frauen in die politische Öffentlichkeit im Zuge eines neu sich bildenden eigenen Selbstverständnisses. Solches spiegelt sich exemplarisch im Auftreten und in den Biographien ihrer Protagonistinnen und weist im Ansatz schon richtungsweisend auf die Selbstvergewisserung national-ethnischer Verantwortung in Erscheinung und Tat hin. Exkurse im Zusammenhang politischer Demonstrationen wie des Honterus-Festes anlässlich der Einweihung des Denkmals des siebenbürgischen Reformators 1898 in Kronstadt oder der Entwicklung des sächsischen Patrizierkostüms zu sächsischen Bekenntnistracht erscheinen nur bei oberflächlicher Betrachtung im Kontext der Frauenbewegung marginal. Der Autorin geht es hierbei um die Eröffnung von Bedeutungsräumen. Die öffentliche Bühne beziehungsweise Möglichkeiten ästhetisch-kultureller Artikulation offenbaren das neue Selbstverständnis siebenbürgisch-sächsischer Frauen und ihrer Organisationen, ganz nach dem Leitbild, das Lotte Lurtz am Ende des 19. Jahrhunderts für die Sächsinnen konstruiert hatte – selbstständig, unabhängig, gleichberechtigt, den Anspruch auf weltliches wie kirchliches Wahlrecht implizierend.

Die 1920er Jahre bildeten im Zuge der neuen europäischen gesellschaftlichen Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg auch für Siebenbürgen und seine Sachsen eine gewaltige gesellschaftspolitische Herausforderung. Diese fanden sich in der Konstellation einer nun zum rumänischen Königreich zugehörigen ethnisch-nationalen Minderheit wieder. Auch für die, nun den Kinderschuhen entwachsenen Frauenvereine, bot sich ein weites Feld des Handelns und der neuen Selbstbehauptung. Das Buch erörtert unter anderem am Beispiel der Neugründungen in Kronstadt (Freie Sächsische Frauenvereinigung, April 1919) und Hermannstadt (Deutsch-sächsische Frauenvereinigung, Juli 1919) die aufreibenden Bestrebungen der Frauen, sich in den innersächsischen politischen Strukturen (Deutsch-sächsischer Nationalrat) Freiräume zu schaffen, um deren Deutungshoheit zu umgehen.

Es ist das Verdienst der Autorin, mittels argumentativ stimmiger Sprachbilder den Leser zielsicher durch die Vielfalt der Ereignisse und das Gestrüpp der zahlreichen Frauenvereinssplitter und Organisationsformen aus dieser Zeit bis hin zu deren Zusammenschluss als Freier Sächsischer Frauenbund im August 1921 zu führen. Sie versteht es, dessen vielseitiges Agieren als „stabiler und selbsttragender Dachverband, der den ­Anspruch vertrat, alle sächsischen Frauenkreise zu repräsentieren“ darzustellen und dessen Zielsetzung zu hinterfragen, die „bei der mündigen und gleichberechtigten Bürgerin eine breitgefächerte weibliche Verantwortung für das Ethnikum“ zu wecken, beabsichtigte. In ihrem Nationskonzept hatte die Vorsitzende Adele Zay diesbezüglich „die mythische Einheit der Ethnie mithilfe des kulturellen Gedächtnisses [heraufbeschworen] und die Begriffe der Liebe, Treue und Eintracht“ in den 1920er Jahren herausgestellt. Dem bereits in den 1880er Jahren von Lurtz und Zay entwickelten universellen Konzept lagen Ideen der Aufklärung und des Liberalismus sowie der internationalen Frauenbewegung zugrunde. Es beinhaltete die Gleichberechtigung aller Mitglieder der sächsischen Nation und bot ein hohes Integrationspotential.

Die Studie zeichnet unter Schlagworttiteln des Unterkapitels zur „Nationalen Formierung“, wie „Kriegsfolgen und Konflikte“, „Staatsbürgerschaft und Verfassung“, „Reproduktion“ und „Kultur“ ein vielschichtiges Bild intensiver Vereinstätigkeit, die im Konzept „Politische Formierung von Frauen als ,Frauen‘“ ihre gesellschaftliche Reife darbot. In diesem Unterkapitel werden die politischen Organisationen und Strukturen des Verbandes der Deutschen in Rumänien, des Deutsch-Sächsischen Volksrates, dessen Wahlkreise sowie die Wahlergebnisse samt Abgeordneten der verschiedenen Legislaturperioden analysiert. Mit den Unter­kapiteln über die „Beziehungen zu ­nationalen Frauenbewegungen in Rumänien“ und Frauenorganisationen auf internationaler Ebene rundet sich hier das Bild.

Mit ihrer Haltung, „mittels des universellen Konzeptes der Menschheits- und Kulturaufgabe der Frau“ in der neuen Staatsgesellschaft Wirksamkeit zu erreichen, stand die sächsische Frauenelite zu einer auf allen Gesellschaftsebenen propagierten nations building-Strategie des rumänischen Staates im Widerspruch. Gleichzeitig bewirkte die weltanschauliche „Zersplitterung“ der sächsischen Gesellschaft, die spätestens nach den Wahlen für den Deutsch-Sächsischen Volksrat 1933, bei denen die Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien mit 55% die Mehrheit erreicht hatte, das allmähliche Abdriften der Frauenbewegung ins nationalistische Fahrwasser. Mit der Verleihung des Wahlrechtes an die Frauen – ein in Jahren erkämpftes Desiderat – im Frühjahr 1931, war der Freie Sächsische Frauenbund in den Deutsch-Sächsischen Volksrat unter dem Namen Deutsch-Sächsischer Frauenbund überführt worden. In akribischer Faktenerhebung ist es Ingrid Schiel gelungen, die Spannungen und Widersprüche aufzudecken, die ein Verein, der sich ehedem im Zeichen humanistischer Werte und übernationaler Eintracht verwirklicht hatte, nun, von den weiblichen Organisationen nationalsozialistischer Ideologie (Mädchen- und Frauenvolksdienst der NSDR, Verein für Mutterschutz u.a.) unterwandert und von der gesamtpolitischen Entwicklung bei den Sachsen in die Defensive getrieben, letztlich den Anspruch auf die Vertretung aller siebenbürgisch-sächsischen Frauen verlor. Seine Auflösung erfolgte schließlich mit dem Inkrafttreten des Organisationsstatuts der Deutschen Volksgemeinschaft in Rumänien im April 1939.

Ein über 150 Seiten umfassender wissenschaftlicher Apparat im Anhang mit „Tabellen und Dokumenten“, darunter Bundesleitung, Einzelvereinigungen und Tagungen, ergänzt um demographische Daten, Statistiken zur Eheschließung und Berufen sowie Verzeichnisse zur weiblichen Vertretung innerhalb der Evangelischen Landeskirche und des Deutsch-Sächsischen Volksrates, rund 60 Kurzbiographien und eine umfangreiche Literaturliste unterstreichen den wissenschaftlich gediegenen Anspruch dieses Werkes.

Irmgard Sedler

Schlagwörter: Schiel, Buchbesprechung, Frauenbund, Siebenbürgen, Geschichte, Sedler, Frauenrechte

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