2. Juli 2011

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Nachruf auf den Historiker Fritz Klein

Am 26. Mai 2011 starb Prof. Dr. Dr. h.c. Fritz Klein in Berlin an den Folgen eines Unfalls. Er entstammte einer herausragenden siebenbürgisch-sächsischen Familie, der Persönlichkeiten wie Karl Kurt Klein, Hermine Pildner-Klein, Gustav Adolf Klein oder Christoph Klein angehören. Als herausragender Zeithistoriker hat er dem DDR-Regime gedient, es aber auch kritisch hinterfragt. Über seine auch in dieser Zeitung besprochenen Erinnerungen urteilte Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, sie seien „überzeugend aufrichtig im Grundton, persönlich und konkret, und so differenzierend, dass jedem Leser ein eigenes Urteil nahegebracht und abverlangt wird.“
Fritz Klein kam am 11. Juli 1924 in Berlin als Sohn des Berliner Publizisten Dr. Fritz Klein (1895-1936) und dessen Frau Gertrud, geborene Orendt, zur Welt. Der Vater war allseits hoch geschätzter Redakteur und Chefredakteur der national-konservativen „Deutschen Allgemeinen Zeitung“. Kurz nach seiner Einberufung zu einer militärischen Übung starb Fritz Klein in Liegnitz nach einem Reitunfall, was Anlass zu Spekulationen gegeben hat, er sei als Gegner des Nationalsozialismus ums Leben gebracht worden.

Der Tod des Vaters und eine schwere Erkrankung der Mutter rissen die Kinder auseinander: Zwei kamen zur Großmutter nach Hermannstadt, Fritz und Peter Klein wurden als Pflegekinder von der Familie des sozialdemokratischen Bildungsreformers Dr. Heinrich Deiters aufgenommen. Fritz machte das Abitur in Berlin (1942), wurde zur Wehrmacht einberufen (1942-1945), begann 1945 sein Studium der Geschichte in Göttingen und setzte es – als Überzeugungssozialist bürgerlicher Prägung – an der Humboldt-Universität zu Berlin fort (1946-1952). 1946 trat er der KPD, 1948 der SED bei. 1947 heiratete er Anna-Dorothea, die Tochter seiner Pflegeeltern, die ihm drei Kinder schenkte. Fritz Klein promovierte in Ost-Berlin mit der Dissertation „Die diplomatischen Beziehungen Deutschlands zur Sowjetunion 1917 bis 1932“ (1952), wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin (1952-1953), dann Mitbegründer der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ (1953-1957). Als Chefredakteur wurde er wegen unterstellter politischer Unzuverlässigkeit abberufen, blieb aber bis zu seinem Tod Redaktionsmitglied, ab 1990 Mitherausgeber dieser international anerkannten historischen Zeitschrift. Klein wurde 1957 wissenschaftlicher Mitarbeiter, später Bereichsleiter am Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Als 1990 die Mitarbeiter des Instituts ihren Chef frei wählen durften, entschieden sie sich für den 65-Jährigen.

Professor Dr. Fritz Klein während seiner Lesung ...Professor Dr. Fritz Klein während seiner Lesung im Münchner Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas im Oktober 2003. Foto: Konrad Klein In seinen Memoiren hat Klein versucht, seine eigenen Verstrickungen als Reisekader und „systemtreuer Reformer“ schonungslos aufzuarbeiten, um „sich klarzuwerden über das eigene Leben“ und zu erzählen, „wie einer gelebt hat in diesen Zeiten, die zu verstehen uns allen so schwerfällt“. Man kann sich an ihm ein Beispiel nehmen, will man sich mit dem Grad opportunistischer Verstrickung, mit dem auch sehr persönlichen Versagen in den Zeiten der Diktatur auseinandersetzen.

Als Historiker ist Fritz Klein vor allem als Herausgeber der dreibändigen Gesamtdarstelllung „Deutschland im Ersten Weltkrieg“ bekannt, eines Standardwerkes, das in der DDR drei Auflagen erreichte und 2004 eine vierte „Neuausgabe“ erlebte. In seinem grundlegenden Überblick „Deutsche Geschichtswissenschaft“ urteilt der amerikanische Historiker Georg G. Iggers, es sei „die erste große deutschsprachige Geschichte Deutschlands im Ersten Weltkrieg“, groß trotz der in der DDR „durch offizielle Ideologie und durch die Planung der Forschung gesetzten Grenzen.“ Man kann das Werk mit Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ vergleichen, das die berühmte Kontroverse um die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges ausgelöst hat. In seiner Dankrede für die Verleihung des Titels eines Ehrendoktors der Kulturwissenschaften der Universität Lüneburg bilanzierte Klein im Jahre 1999 selbstbewusst: „Das Bleibende ist, dass die Fragestellung sich durchgesetzt hat. Niemand regt sich heute auf, wenn jemand von der deutschen Verantwortung für den Ausbruch des ersten Weltkriegs spricht und von ausgreifenden, das Kräfteverhältnis in der Welt umwälzenden und deshalb für die anderen Mächte nicht hinnehmbaren deutschen Kriegszielen.“ Kleins Elternhaus in der Heltauergasse 31 (früher ...Kleins Elternhaus in der Heltauergasse 31 (früher 37), in dem der junge Fritz regelmäßig seine Sommerferien verbrachte. Oben wohnte die Familie des späteren Historikers, unten die Familie seines Großvaters Wilhelm Orendt. Als typisches „Durchhaus“ verband das Haus die Heltauergasse mit der Harteneckgasse. Foto: Konrad Klein Fritz Klein hat die Verbindung zur siebenbürgischen Heimat seiner Eltern nie abreißen lassen, er besuchte sie immer wieder, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde dabei „Zeuge einer anscheinend unaufhaltsamen Auflösung, eines Ausrinnens der Existenz eines Volkes […], dem ich mich verbunden fühle“, wie er in seinen Memoiren geschrieben hat.

Diese Verbundenheit wird erwidert. Man kann als Siebenbürger Sachse dem Urteil nur zustimmen, das am Ende eines anderen Nachrufs steht: „Mit Fritz Klein […] stirbt ein Stück deutsche Geschichte – eine ihrer besten Seiten.“

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Nachruf, Historiker

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Neueste Kommentare

  • 14.07.2011, 21:45 Uhr von popescu: Ich danke Konrad Gündisch für diesen Nachruf, wie auch der SZ ihn veröffentlicht zu haben. ... [weiter]

Artikel wurde 1 mal kommentiert.

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