7. März 2011

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Trutzige Kirchen und mächtige Türme, Teil 4

Mettersdorf zählte vor dem Krieg mehr als 1200 Sachsen. Jedes Mal, wenn ich durch die Ortschaft fuhr, bewunderte ich den mächtigen Wehrturm aus dem 15. Jahrhundert in der Ortsmitte. Dort leben keine Sachsen mehr, wurde mir im Pfarramt in Bistritz gesagt. Doch Katharina Prall aus der Nachbargemeinde Tschippendorf behauptete, eine Sächsin wohne in Mettersdorf, sie lebe mit einem Rumänen zusammen. Ich habe die Frau gesucht, mich durchgefragt, sie aber dennoch nicht gefunden. Wer kennt schon eine Sächsin unter 2 500 Bewohnern, die größtenteils aus anderen Landesteilen zugezogen sind? Eine alte Bäuerin, die aus Mettersdorf herkam, entdeckte ich schließlich in Bistritz. Sie lag krank in einem Eisenbett inmitten eines kalten Zimmers und besaß nichts mehr außer einem Stuhl, auf dem ihre Kleider hingen.
Mit dem letzten Sachsen aus Waltersdorf – Georg Böhm hieß er – hätte ich mich öfters unterhalten wollen. Er wohnte in Bistritz und war Schuster von Beruf. Während er auf einem Schemel saß und Schuhe flickte, erzählte er wunderbare Geschichten, die von Waldmädchen, Waldgeistern und Hexen handelten. Seine Frau durfte davon aber nichts mitbekommen, deshalb besuchte ich ihn nur an Sonntagen, wenn sie sich im Gottesdienst befand. Als sie das herausbekam, kehrte sie, wenn ich in der Stadt war, schon sehr früh aus der Kirche zurück oder ging einfach nicht hin. Sie hatte wohl Angst um ihren Mann, er würde sich für Deutschland entscheiden, wie seine Landsleute und Verwandten, die alle weg waren.

Ende Februar 1979 saß ich in einem der zwei sächsischen Häuser in Burghalle. Der Sprecher der orthodoxen Gemeinde, der mich für einen Vertreter der evangelischen Landeskirche aus Hermannstadt hielt, trat ein und trug sein Begehren vor: Die orthodoxe Gemeinde sei an der Kirche der Sachsen in Burghalle interessiert und wolle sie erwerben. Ich ließ ihn reden und erzählen. Wenn diese fünf Sachsen, die hier sitzen (darunter waren zwei aus Oberneudorf), damit einverstanden sein sollten, gab ich ihm schließlich zur Antwort, würde ich die Kirche verkaufen. Der Mann entschuldigte sich, als er seinen Irrtum erkannte. Im Spätherbst, als ich wieder vorbeikam, hatte die Kirche den Besitzer gewechselt. Ein orthodoxes Kreuz prangte auf dem Turm.Baaßen. Turmlose Saalkirche aus dem 14.-15. ...Baaßen. Turmlose Saalkirche aus dem 14.-15. Jahrhundert. Anfang des 16. Jahrhunderts wurden dem Chor drei Wehrgeschosse aufgemauert, die über ein Rundtürmchen mit Wendeltreppe zugänglich sind. Von den drei Türmen des im Westen verdoppelten Verteidigungsringes blieb der fünfgeschossige Torturm im Süden erhalten. Foto: Friedrich Schuster Ich erinnere mich an die 66-jährige Erna Bukowsky aus Bistritz, eine resolute Frau, die die Katzen der Ausgewanderten aufgenommen hatte. Dreißig oder vierzig Tiere dürfte sie in ihrem Haus gepflegt haben. Ich war jedes Mal voller Katzenhaare, wenn ich von dort kam. Die Stadt hatte ihr Garten und Hof weggenommen und um ihr Haus hohe Wohnblocks gebaut. Sie besaß wertvolle Möbel und eine umfangreiche Sammlung Bistritzer Teller und Krüge. Auf die hatte es ein Bukarester Geschäftemacher abgesehen. Als Kurator Michael Penteker in Jaad eine seiner Auswanderungskisten packte, war ich dabei. Und ich wunderte mich über die eine und andere Küchenpfanne, die nach Deutschland mitgenommen werden sollte. Zehn Jahre später, als auch meine Eltern packten, wunderte ich mich über nichts mehr. Ich erinnere mich an die Kallesdorferin, die den Kirchenschlüssel verwahrte, diesen eines Tages niemandem mehr aushändigen wollte. Sie war der Meinung, die Besucher aus Hermannstadt oder Schäßburg kämen nur deswegen, um die Kirche zu verkaufen. Die Mär, die durch die Dörfer Nordsiebenbürgens ging, berichtete, sie hätte auch dem Bischof den Schlüssel verwehrt. In Weißkirch bei Bistritz fand ich in einem Hinterhof die letzten vergessenen Sachsen – Maria Roth und Michael Göckler, beide 80 Jahre alt – und meldete sie beim Pfarramt in der Stadt an. Ich erinnere mich an den über siebzig Jahre alten Thomas Baier aus Kleinbistritz, den ich ins Gebirgsdorf Kuschma zu seinem blinden Freund Johann Schuller mitnahm. Den hatte eine Granate beim Mähen verletzt und ihm das Augenlicht zerstört. Baier schenkte mir ein Buch über die sächsischen Kirchenburgen, das in meiner Bibliothek einen Ehrenplatz einnimmt.

Es sind Erinnerungen aus Nordsiebenbürgen, die sich allmählich zu eigenständigen Geschichten abrunden. Vor dreißig Jahren machte ich mich wiederholt in die 45 Ortschaften im Norden auf.

Was ich an Nachrichten und Erlebnissen mitbrachte, wollte mir im Süden keiner abnehmen. Mein Wagen wurde aber zweimal manipuliert. Das erste Mal wurden die Schrauben an der vorderen Radaufhängung gelöst, das zweite Mal eine Radfelge gelockert.Trappold. Die umgebaute gotische Hallenkirche vom ...Trappold. Die umgebaute gotische Hallenkirche vom Anfang des 16. Jahrhunderts steht auf ­einem Hügel inmitten der Ortschaft. Der sechsgeschossige Glockenturm wurde in das Kirchenschiff hineingerückt. Im 15.-16. Jahrhundert entstand der doppelte Mauerring, der mit Wehrtürmen, Basteien und Fruchthäusern versehen wurde. Foto: Friedrich Schuster „Ich komme aus der Zukunft der Siebenbürger Sachsen!“ war der Satz, mit dem Michael Gross, der damalige Stadtpfarrer von Bistritz, seine Reden vor den Theologen in Hermannstadt begann. Diese Zukunft, die ich seinerzeit im Reener und Nösner Land kennenlernte, habe ich nun auch in den Ortschaften zwischen Alt und Kokel vorgefunden. Vierzig sächsische Orte besuchte ich in den letzten Monaten. Das Ende ist mit voller Wucht auch hier angekommen.

In dieser Folge bringen wir Winterfotos aus Trappold und Baaßen. Trappold, 1231 zum ersten Mal urkundlich genannt, liegt am Schaaser Bach, der bei Schäßburg in die Große Kokel mündet, und Baaßen (1302) im Zwischenkokelland. Beide Ortschaften sind durch ihre Kirchenburgen bekannt, die erste auch als Geburtsort des sächsischen Dichters Michael Albert (1836-1893), die zweite als siebenbürgisches Bad und Viehzuchtort. In Trappold lebten vor dem Zweiten Weltkrieg 680 Siebenbürger Sachsen, in Baaßen 1150. Die evangelische Kirchengemeinde in Trappold, die heute von Pfarrer Johannes Halmen aus Schäßburg betreut wird, hat 18 Kirchenmitglieder. Für kleinere Sanierungsarbeiten setzte sich zuletzt der Berliner Verein „Corona“ ein, dessen nun im Ort wohnendes Mitglied Sebastian Bethge die Orgel der Kirche instandgesetzt hat. Die Kirchenburg selbst soll in nächster Zeit einer umfangreichen Renovierung unterzogen werden. Sie gehört zu den 18 Wehrkirchen und Wehrburgen, für die das Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche ein Sanierungsprojekt erarbeitet hat. Die Kirchengemeinde Baaßen besteht aus 58 Mitgliedern, für die seit Januar Pfarrerin Betina Kenst aus Mediasch zuständig ist (davor Dechant Reinhart Guib, seit November Bischof in Hermannstadt). Alle zwei Wochen hält sie Gottesdienste ab, die von rund 25 Menschen besucht werden. Daran nehmen auch Kirchenmitglieder aus Kleinblasendorf und Bonnesdorf teil. 2003 bis 2004 wurden Kirche und Glockenturm umfassend renoviert. Kurator Albert Binder, der seit elf Jahren der Kirchengemeinde vorsteht, ist zufrieden mit dem, was geleistet wurde. „Wenn wir nach dem Gottesdienst bei einem Kaffee verweilen“, erzählte er, „freuen wir uns, dass wir diese Burg besitzen, die uns birgt. Wir nehmen dann die Gelegenheit wahr, unsere Probleme miteinander zu besprechen, unsere gegenseitigen Sorgen und Nöte.“

Michael Alberts Geburtshaus (Haus Nr. 265) befindet sich in Trappold an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe der Kirchenburg. Vor 175 Jahren, am 21. Oktober 1836, kam er darin als Sohn sächsischer Bauern zur Welt. Im Giebelfeld befindet sich ein orthodoxes Kreuz, zwischen den zwei Fenstern darunter eine Gedenktafel (2006 angebracht) mit den Versen: „Von einem alten Birnenbaum berichtet uns die Sage:/ Er steht allein im Feldesraum, ein Denkbild alter Tage …“.

An Andreas Birkners (1911-1998) Elternhaus in Kleinschenk, dessen Geburtstag sich am 15. August zum hundertsten Male jährt, befindet sich keine Gedenktafel. Es gehört wie auch Alberts Geburtshaus mittlerweile einem rumänischen Einwohner. Karl Schuster, ein Neffe des Schriftstellers, machte mich darauf aufmerksam, dass Birkner im Haus Nr. 7, das sich hinter der Kirchenburg befindet, geboren wurde und nicht in jenem Bauernhaus, das ich in dieser Zeitung (Folge 2 vom 31. Januar 2011, Seite 3) genannt hatte. Zwei Wetterfahnen befinden sich auf dem Dach und deuten auf das Baujahr (1889) beziehungsweise Jahr der Renovierung (1959) hin. Birkner hatte drei Geschwister: Anna, die einzige Schwester, blieb in Kleinschenk, Michael ging nach Bukarest (fiel im Zweiten Weltkrieg) und Martin, der Jüngste, zog 1930 mit dem Vater nach Argentinien, von wo beide nicht mehr zurückkehrten. Auf dem Hof wohnte bis 1986, als er auswanderte, Richard Schuster, ein Neffe des Schriftstellers.

Friedrich Schuster, der Autor dieses Beitrags, wird in diesem Jahr einen Band mit Märchen und Sagen herausbringen, die er in den sächsischen Ortschaften Siebenbürgens aufgezeichnet hat. Das Buch mit dem Titel „Hans, der Ziegenhirt“ kann über folgende E-Mail-Adresse vorbestellt werden: Friedrich.Schuster[ät]ymail.com.

Schlagwörter: Siebenbürgen, Fotografie, Kirchenburgen, Kirchen

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